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Wertvolle Erinnerungen

Vor mehr als drei Jahren veränderte sich mein Leben schlagartig. Ich dachte, jetzt sei auch mein Leben zu Ende. Alles war so unrealistisch und ich würde nie wieder ein normales Leben führen können. Zentnerschwer lastete die Schuld auf mir.

Ich kann mich nie wieder aus dem Haus wagen, denn was denken jetzt die Leute von mir? Was bin ich nur für eine Mutter? Mein Sohn und Selbstmord- Worte wie ein riesengroßer, schwarzer, stinkender Schlund, mit vielen blutigen Zähnen, der mich auffressen wollte.

Meine Gedanken und Empfindungen, die ich damals in mir trug, werde ich niemals vergessen wollen. Und das ist auch gut so. Diese Gedanken tragen dazu bei, dass ich weiterhin Verständnis und Mitgefühl für Jeden, der direkt oder indirekt betroffen ist, habe. Auch sind die Gedanken und Gefühle in mir wichtig, wenn es darum geht, Erklärungen und Argumente für Reaktionen der Hinterbliebenen vorzubringen.

Ich kann nur die Situationen am besten nachvollziehen, die ich selber erlebt habe. In meinen Augen macht es einen großen Unterschied, ob ich meine Erfahrungen erlebt habe, oder ob ich meine Erkenntnis vom Hörensagen erlangte.

Leider gibt es noch viele Vorurteile zum Thema Suizid und Suizidhinterbliebene. Auch ich hatte Vorurteile, die ich mit der Zeit abbauen konnte. Geholfen hat mir mein Erlebtes zu hinterfragen und zu verstehen. Es war ein hartes Stück Arbeit.

 

Wikipedia schreibt zum Thema „Vorurteile“: Zitat:

Alltagssprachlich ist ein Vorurteil ein vorab wertendes Urteil, das eine Handlung leitet und in diesem Sinne endgültig ist. Es ist eine meist wenig reflektierte Meinung – ohne verstandesgemäße Würdigung aller relevanten Eigenschaften eines Sachverhaltes oder einer Person. Anders als ein Urteil ist das wertende Vorurteil für den, der es hat, häufig Ausgangspunkt für motivgesteuerte Handlungen, manchmal zweckdienlich, ein andermal zweckwidrig.

Umgangssprachlich wird Vorurteil auch als Synonym für Vorliebe oder Bevorzugung benutzt. Im Unterschied zum Vorurteil sind diese nicht endgültig, können aber ein entsprechendes Vorurteil bestätigen und dauerhaft festlegen. Trotz gegenteiliger Bemühungen (s. Rehabilitierung des Vorurteils) ist der Ausdruck „Vorurteil“ in der Alltagssprache meist abwertend und bezeichnet oft jede Art von negativer Kritik, die an einer Sache geübt wird(…) Zitat Ende

 

Mit Hilfe von Freunden, der Familie und dem Internet fand ich zu meinem Leben zurück. Ich habe mich auf Grund der Geschehnisse weiter entwickelt.

Die Erfahrungen Unbeteiligter bestehen nur aus Theorie. Die besten Psychologen können uns nur ein Stück weit helfen, sofern sie es nicht selbst erlebt haben. Das Leben besteht nicht aus Theorie sondern aus der Praxis.

Viele liebe Grüße schickt Euch
Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

2 Gedanken zu “Wertvolle Erinnerungen

  • Liebe Annette,
    ich bin zufällig hier bei dir gelandet, als ich durchs Web surfte, immer auf der Suche nach Anhaltspunklten, nach Antworten, nach Verstehen.
    Vor einem Jahr hat sich mein geschiedener Mann von einer sehr hohen Brücke gestürzt. Das vergangene Jahr war derart kräftezehrend, das kann ich gar nicht in Worte fassen. Zum einen bin ich stets auf der hut, was meine – unsere – Kinder betrifft. Wie reagiere ich richtig? Wann soll ich reden, wann schweigen? Wie kann ich ihnen helfen? Was können sie überhaupt annehmen von mir? Schließlich hatte ich ihren Vater verlassen.
    Wie gehen deine Kinder mit dem Suizid ihres Bruders um? Du schreibst sehr viel von dir. Aber es gibt ein Umfeld, es gibt andere Betroffene, andere Opfer, andere hinterbliebene. Und dein Mann? Der Vater eures Kindes, wie geht er damit um? Bei uns ist es so, dass jeder irgendwie anders trauert, anders verarbeitet. Mein Jüngster verdrängt komplett. Aber auch das muss ich akzeptieren, muss ich aushalten.
    Damit komme ich zum zweiten Aspekt. Ich habe Angst. Angst um meine Kinder. Angst davor, dass sie für ihr Leben Schaden genommen haben. Angst, dass sie es ihrem Vater vielleicht sogar irgendwann gleichtun könnten. Und davor, dass sie unglücklich werden in ihren beziehungen, in ihren berufen, dass sie keine guten Eltern werden oder erst gar keine Kinder wollen. Angst, nicht das Richtige für sie tun zu können.
    Ein dritter Aspekt. Schuld. Schuld Schuld.
    ICH war es, die ihn verlassen hat, ich wusste, ich war sein Halt im Leben. Und doch bin ich gegangen. Es ging nicht anders, wirklich nicht. Und obwohl das so ist und mir niemand je Vorwürfe gemacht hätte, bleibt so ein nagendes Schuldgefühl.
    Und dann komme ich zu einem weiteren Punkt. Im Gegensatz zu dir und all den anderen, die hier geschrieben haben, kann ich nicht nur trauern. Sondern ich empfinde ein verwirrendes Gemisch aus unterschiedlichen Gefühlen.
    Ich trauere, ich trauere um ihn und um sein armes unglückliches Leben. Aber ich bin auch wütend, weil er so ein Feigling war, weil er sich gedrückt hat vor dem Leben und seinen Aufgaben, weil er alles wie immer mal wieder mir aufgehalst hat. Weil er zu faul und zu bequem war, sein Leben in den Griff zu kriegen,weil er sich nicht angestrengt hat, weil er es tatsächlich geschafft hat, unseren Kindern so etwas anzutun. Rücksichtslos und egoistisch.
    Und ich bin auch erleichtert, dass die Querschüsse von ihm ein Ende haben. Die Störmanöver. Er kann mir nichts mehr antutn, mir nicht mehr schaden. Und den Kindern auch nicht.
    Er war ein lausiger, ein schlechter Vater. In meinen Augen jedenfalls. Die Kids sehen das sehr unterschiedlich. Wie genau sie es sehen weiß ich nicht einmal. Da gibt es Äußerungen wie, ist egal, ist erledigt, ich hatte eh keinen Kontakt zu ihm, für mich ändert sich doch eh nichts. Aber da gibt es auch ERinnerungsfetzen, die ihn in positivem Licht zeigen.
    Für mich ist alles sehr komplex und anstrengend und traurig.
    Das schlimmste ist das Schuldgefühl und die Angst um die Kinder.

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Regina,
      ich weiß ganz genau, was Du meinst.
      Ich schicke Dir hier den Link zum AGUS-Forum. Die Menschen dort sind so verständnisvoll und sind alle natürlich auch betroffen.
      Ich nehme Dich mal lieb in den Arm und schicke Dir viele Grüße aus Essen rüber,
      Annette

      Antworten

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