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„Man will ja nichts Falsches sagen.“

Sobald ein Unglück geschieht ist jeder Mensch, der davon hört, zutiefst betroffen. Sofort wird an die Hinterbliebenen gedacht und „man“ weiß nur, dass sich der Hinterbliebene schlecht fühlen muss. Er tut „einem“ Leid.

Immer wieder hörte ich:
„Man weiß nicht, wie man darauf reagieren soll.“
„Man weiß ja nicht, was man sagen soll.“
„Man will ja nichts Falsches sagen.“

Wer ist „man“?
Jeder einzelne Mensch kann sich hinter „man“ verstecken. „Man“ ist in dem Falle wohl die Gesellschaft. Allerdings gehören wir alle zur Gesellschaft und machen sie aus. Trotzdem ist jeder von uns ein Individuum. In der Verallgemeinerung finden einige Menschen Schutz.

Wie aber  sieht es bei den Hinterbliebenen aus? Sobald es um Tod, Trauer oder gar Suizid in der Familie geht, werden wir Hinterbliebene aus der Gesellschaft ausgestoßen. Nicht nur in meinen Augen fühlen wir Suizidhinterbliebene uns der Gesellschaft schutzlos ausgeliefert. Die Anzahl der Suizidhinterbliebenen ist geringer als die Anzahl der, nennen wir sie, Unbeteiligten. Schuldzuweisungen werden laut. „Man“ tuschelt über uns.

Auch sind wir Hinterbliebenen anfänglich alleine und finden keinen Schutz. Keinen Schutz ist falsch formuliert. Unsere Familien und enge Freunde bieten uns den Schutz, den sie geben können. Leider hat nicht jeder Suizidhinterbliebene so eine tolle Familie und ehrliche Freunde, wie ich sie habe. Das weiß ich, da ich im AGUS Forum sehr aktiv war.

Dieses Forum fand ich ernst nach einigen Wochen. Eine liebe Freundin empfahl es mir, denn sie machte sich Gedanken über mich und meine Situation. Da sie mir nicht nachempfinden konnte, suchte sie nach Menschen, die dasselbe Schicksal erlitten, wie ich. Von der Erfahrung der Anderen zu hören tat gut und ich fanden Trost und Verständnis. Im Schutz der anderen Suizidhinterbliebenen bekam ich auch Verständnis für die Unbeteiligten.

Wenn jemand sagt: „Man weiß ja nicht, was man sagen soll“, dann kommt es daher, dass die Gesellschaft sich nicht mit dem Thema auseinander setzen möchte. Obwohl der Tod doch zu unserem Leben gehört.

„Man“ muss nichts sagen. Einfach nur da sein, aber bitte nicht weg laufen. Wir Hinterbliebene können auch nicht weg laufen. Wir wissen mit der neuen Situation auch nicht richtig umzugehen. Wir sind auch hilflos. Wir brauchen Verständnis und Trost. Aus dieser Hilflosigkeit möchten wir heraus und wieder am Leben teilhaben.

Das habe ich geschafft. Mit Hilfe meiner Familie, meinen Freunden und meinem Glauben. Auf meinem Weg habe ich sehr viele Leid auch durch anderen Menschen erfahren. Ich möchte hier Niemandem böse Absicht nach sagen. Wahrscheinlich lag es an der Unwissenheit Derjenigen. Allerdings ließ ich mich nicht davon abhalten mein Leben zu leben. Die Gesellschaft der Suizidhinterbliebenen hat mir sehr dabei geholfen. Aus der Gesellschaft sind dann auch Freundschaften entstanden, die ohne mein Schicksal niemals entstanden wären.

Ich werde für immer eine verwaiste Mutter sein. Wie ich damit umgehe, liegt ganz alleine bei mir.

Viele liebe Grüße schickt
Annette Meißner

 

 

Autor

Name: Annette Meissner

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