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Leben mit der Schuld

Leben mit der Schuld ist für uns Hinterbliebene ein Leben, das für Nichtbetroffene schwer nachvollziehen ist.

Wie sich unser Leben mit der Schuld verändert hat

Ich habe mich nach dem Suizid von Enrico sehr verändert. Diese Schuld, die ich in mir fühlte, wieder wegzubekommen hat lange gedauert. Es ging nicht von heute auf morgen. Es war ein langer und harter Prozess, den ich durchlaufen habe.

Der SWR hat mich eingeladen, zu diesem Thema etwas zu sagen und das tue ich natürlich gerne. Im Nachtcafé bin ich am 7.4.2017 zu Gast mit dem Thema Leben mit der Schuld.

Es ist nicht nur die Schuld, die ich mir selber gegeben habe, es war auch die Schuld, die mir auferlegt wurde. Auferlegt von Menschen, die nicht wussten, was sie damit anrichten. Der Satz: “Bei der Mutter, die sowieso immer nur arbeiten ist, ist das ja ganz normal, dass Enrico sich das Leben nimmt.” Genau diesen Satz habe ich gelesen von einem Mädchen aus Enricos Klasse. Sie hatte ihn in einem öffentlichen Chat geschrieben.

Ich war völlig fertig. Am nächsten Tag ging ich dorthin, um das Mädchen zur Rede zu stellen. Der Vater allerdings ließ es nicht zu, doch er entschuldigte sich für sie und es tat ihm sichtlich Leid, was seine Tochter von sich gegeben hatte.

Auch bekam ich beim Einkauf mit, wie sich zwei Frauen über mich unterhielten und so taten, als würden sie mich kennen. Sie bedauerten Enrico für diese Mutter, die ständig weg war. Es gab Zeiten, in denen ich 2 Jobs hatte, denn wir kamen mit dem Geld, welches ich als Raumausstatterin verdiente, nicht aus. Ich war alleinerziehend und meine Kinder bekamen keinen Unterhalt vom Vater.

Wie kann man vernünftig leben mit der Schuld?

Der Mensch, der das alles miterlebt hat, weiss, wie das Leben mit der Schuld ist und was es bedeutet.

Ich dachte immer, dass es normal sei, wenn solch ein Schicksalsschlag über einen kommt, dass man sich verändert und auch immer so bleiben würde. Meine Schuldgefühle und meine Unsicherheit begleiteten mich überall hin. Manchmal nahmen sie meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und ich konnte mich nicht frei bewegen.

Ich hatte Angst, etwas falsch zu machen oder etwas falsches zu sagen, denn ich wollte nicht Schuld sein, wenn sich noch ein Mensch das Leben nehmen würde – durch meine Schuld. Diese Gedanken waren tatsächlich lange in meinem Kopf und ich traute mich nicht, darüber zu sprechen.

Im AGUS-Forum bekam ich viel Unterstützung, denn ich war mit meinen Befürchtungen nicht alleine. Immer wieder wurde mir gesagt, ich sei nicht Schuld an Enricos Suizid. Doch solange ich nicht selber davon überzeugt war, änderte sich auch mein Denken nicht. Ich war immer noch der Meinung, das Leben mit der Schuld sei normal.

Mein Leben war schwer, denn ich ließ alles mit mir machen und sagte nie “Nein”. Auch in Situationen, die mir nicht behagten. Ich traute mich nicht, meine Meinung zu vertreten.

Nicht nur mir gab ich die Schuld, ich gab anderen Menschen und Situationen auch die Schuld, denn diese unfassbare Tragödie war für mich alleine nicht zu tragen und zu begreifen.

Schuld verändert einen Menschen sehr. Er wird unsicher und voller Angst. Er traut sich nichts zu, auch wenn er vor der Zeit der Schuldgefühle selbstsicher und taff war. Dieser Mensch stellt alles in Frage, obwohl es dafür keinen Grund gibt.

Jeder Mensch braucht seine eigene Zeit, um damit zurecht zu kommen. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Manche Menschen schaffen es alleine nicht, sich wieder zu finden, denn die Schuldgefühle können uns lähmen und es kann sehr schnell eine Depression daraus werden.

Hilfe anzunehmen ist immer gut, wenn wir uns nicht gut fühlen und das Leben mit der Schuld beschwerlich wird. Gemeinsam schaffen wir mehr als wir denken.

Hier schicke ich Dir nochmal den Link zur Sendung am 7.3.2017 und einen lieben Gruß aus Solingen,

Deine Annette

Autor

Name: Annette Meissner

Ein Gedanke zu “Leben mit der Schuld

  • Liebe Annette

    Erstmal danke für den Tipp mit dem AGUS-Forum! Ich habe mich dort registriert, und es hilft wirklich, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

    Die Sendung „Nachtcafé“ schaue ich regelmässig. So auch letzten Freitag. Die „Geschichten“, die dort erzählt wurden, haben mich sehr berührt. Auch Deine Geschichte vom Suizid Deines Sohnes Enrico. Die Art und Weise wie das alles abgelaufen ist, stelle ich mir schrecklich vor. Dass Dein Sohn bereits beerdigt war, als Du von seinem Tod erfahren hast, ist grauenvoll. Was mir nicht in den Kopf will, ist: Warum ist Enrico anonym beerdigt worden? Und warum wussten Deine Schwestern vor Dir, was passiert war? Das muss furchtbar schlimm für Dich gewesen sein. Und dann die ganzen Schuldzuweisungen von Leuten, die keine Ahnung haben, wie es bei Euch war.

    Wenn ein eigenes Kind Suizid begeht, ist das doch schon schlimm genug für eine Mutter. Wie bringen es dann Unbeteiligte fertig, solche Aussagen zu machen? Das will mir nicht in den Kopf. Wie können Menschen so grausam sein?

    Die Tage nachdem mein Sohn gestorben war, war unser Haus voller Menschen. Auch solche, die ich schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Für mich war das ein Trost. Ich dachte nicht im Traum daran, dass wieder eine Zeit kommen würde, wo ich alleine bin. In all diesem schrecklichen Schmerz hat mich das beruhigt. Aber es ging nicht lange, da kamen sie nicht mehr. Ein paar Vereinzelte noch. Aber auch diese blieben mit der Zeit weg. Ich weiss, dass es bestimmt nicht sehr angenehm ist, mit mir zusammen zu sein. Es kann auch vorkommen, dass mir die Tränen kommen. Aber ich verstehe es trotzdem nicht, dass so gar niemand mehr kommt.

    Der Suizid und die Trauer sind das eine, aber der Umgang mit der Umwelt ist das andere. Und Schuldzuweisungen an eine Mutter, deren Sohn sich suizidiert hat, sind meiner Meinung nach einfach nur böse.

    Ich grüsse Dich von Herzen!
    Regula

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