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Kann ich jemals wieder glücklich werden?

Glücklich werden – geht das überhaupt nach so einem Schicksalsschlag? Ich glaubte erst nicht daran.

Anfänglich war mir wichtig, die Tage nach dem Suizid von Enrico zu überleben. Wie auch immer ich es anstellte. Ein Tag war wie der andere. Am liebsten hätte ich einen Schalter umgelegt, der mir dazu verhelfen würde, wieder ein normales Leben zu führen und glücklich zu sein.

Das funktionierte natürlich nicht, denn die Trauer nahm den größten Platz in meinem Leben ein. Mein Seelenschmerz verhinderte mein glücklich sein. Dennoch gab es glückliche Momente, die ich in den Augenblicken nicht unbedingt als solche empfand. Das lag unter anderem daran, dass die Hoffnungslosigkeit mich blind machte für positive Empfindungen. Auch hatte ich keinen Vergleich zu anderen Menschen in derselben Situation, da ich mich von meiner Umwelt gänzlich abschottete.

Die kurzen glücklichen Zeiten, die ich beschreibe, sind die Momente, in denen ich nicht alleine war. Jene glücklichen Augenblicke teilte ich mit lieben Menschen, die bei mir waren. Menschen, die ihre ehrliche und offene Anteilnahme mir entgegen brachten. Wir weinten gemeinsam und redeten über meinen und deren Schmerz am Verlust meines Sohnes. Ich schätze mich wirklich glücklich, dass ich eine so fürsorgliche Familie und auch so liebevolle Freunde um mich herum hatte und bis heute noch habe.Vor dem Tod von Enrico war es selbstverständlich und normal, dass wir alle so liebevoll miteinander umgingen. Dieser Umgang war nicht von großer Bedeutung, denn ich kannte es nicht anders. Nach Enricos Tod veränderte sich die Bedeutung des füreinander da seins in ein wahres Glück für mich.

Ich berichte hier von den Anfängen des glücklich seins nach dem Schock, den ich erlitt. Der Schock veränderte mein Leben gravierend, dass auch ich mein Leben hinsichtlich meiner Einstellung zum Glück verändern musste. Die Trauer und die Hoffnungslosigkeit verursachten bei mir sogar körperliche Schmerzen. Als diese Beschwerden nach einiger Zeit nicht verschwanden, wurde ich mir bewusst, dass ich selber etwas für mich tun musste, um mich wieder besser zu fühlen. Dies war eine sehr große Aufgabe, die ich mir stellte, doch sie war überaus wichtig. Mir war bewusst, dass ich so, wie ich lebte, mit meinen schweren Gefühlen in mir, nicht weiter leben wollte und auch nicht konnte.

Glücklich sein ist ein sehr komplexes Thema, womit ich mich ganz ausführlich befasste. So wurde mir klar, dass ich erst einmal mit mir selber zurechtkommen musste, denn das Gefühl des glücklich seins wohnt in mir und ist von äußeren Umständen unabhängig. Ergo war und bin ich für meine Gefühle selber verantwortlich. Auch für meine Gedanken und meine daraus folgenden Taten.

Meine Gedanken waren und sind der Ursprung meiner Gefühle. Sobald ich meinen Gedanken freien Lauf ließ, drehten sie sich um den Schmerz und den Verlust meines Sohnes. Ich verfiel ins Grübeln und das tat mir nicht gut. So beschloss ich, mir das Grübeln zu verbieten und stattdessen an etwas anderes zu denken. Aber das war nicht einfach, denn ich wurde von meinen Gedanken beherrscht. Was konnte ich tun? Ich horchte in mich hinein und fand für mich eine Lösung.

Eine Tätigkeit, bei der ich keine schmerzenden Gedanken empfand. Fast keine. Es war der Sport.
Ich ging regelmäßig mit meiner jüngeren Schwester zum Frauensport, um mich auszupowern. Die Trainerin wusste um mein Schicksal, denn ich wollte, sobald es nötig war, die Tränen laufen lassen. Fragende Blicke sollten mich nicht zusätzlich belasten. Manchmal, während des Sports, stieg Wut in mir hoch und ich verarbeitete dieses Gefühl mit Kraft und Anstrengung meines Körpers. Auch die innere Leere, die ich in mir empfand, konnte ich durch noch mehr Power ausgleichen. Wenn ich das Gefühl hatte, weglaufen zu wollen, ging ich in den Park und lief eine Runde.

Die Stunden, in denen ich mich sportlich betätigte, bereiteten in mir ein Glücksgefühl, welches ich vorher so nicht gekannt hatte. Es tat meinem Körper und meiner Seele sehr gut. Die Regelmäßigkeit mich mit meiner Schwester zu treffen, uns gemeinsam auszupowern, gab mir das Gefühl der verlorenen geglaubten Geborgenheit wieder zurück.

Mein Ziel, mich nicht von den Gedanken beherrschen zu lassen, sondern sie in eine andere Richtung zu lenken, konnte ich mit der Zeit und mit der Hilfe des Sports umsetzen. Bedingt durch diese Erfahrung, entwickelte ich einige Monate später, Übungen für mich. Sobald ich merkte, dass negative Gedanken sich in mir festsetzten, vollzog ich meine Übungen mit Erfolg.

Zu wissen, selbst verantwortlich für seine Gefühle und sein eigenes Glück zu sein können glücklich machen.

Ich wünsche Euch von Herzen, dass Ihr Euren eigenen Weg zu Eurem Glück findet,

Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

9 Gedanken zu “Kann ich jemals wieder glücklich werden?

  • Hallo liebe Annette deine Zeilen lesen sich sehr schön. Ich versuche auch seit zwei Jahren mit dem Tod meiner Tochter klar zukommen. Es gelingt mir nur durch viel arbeiten und teilweise verdrängen!!!!! Ich weiss nicht wie ich es schaffen soll.muss ja irgendwie weiterleben!!!!!versuche mich öfter mal aus meiner isolierung zu befreien, gelingt mir nur bedingt!!!!! Ich weiß einfach nicht weiter………: ((((liebe Grüße Annette

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Annette,
      verdrängen ist nicht der richtige Weg, um mit der Trauer zurecht zu kommen. Das habe ich auch bei mir festgestellt.
      Kennst Du das AGUS-Forum? Dort sind viele Menschen, die sich gegenseitig helfen und stützen.
      Das möchte ich Dir gerne ans Herz legen.
      Ich drück Dich mal ganz lieb und schicke tröstende Grüße aus Essen rüber,
      Annette

      Antworten
  • Auch ich habe meinen Sohn Manuel verloren und niemand der so etwas noch nicht erlebt hat ,weiß wie schrecklich das ist.Mit meinen Sohn ist ein großer Teil von mir gestorben .Die Trauer ist so präsent das für nichts anderes Platz ist.

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Ellen,
      es tut mir sehr, sehr leid, dass auch Du diese Erfahrung machen musstest. Ich nehme Dich virtuell mal lieb in den Arm.
      Glaube mir, der Schmerz wird eines Tages kleiner werden, auch wenn Du es jetzt noch nicht sehen kannst. Auch ich hätte damals niemals gedacht, dass es mir irgendwann wieder besser gehen würde. Bitte gib Dir Zeit, um zu trauern, denn das ist sehr wichtig für Dich.
      Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, dann schreib mich bitte privat an.
      Einen tröstenden Gruß schickt Dir
      Annette

      Antworten
  • Wenn sich ein Mensch – aus welchen Gründen auch immer – das Leben nimmt, so sollten wir dies akzeptieren. Denn auch wenn wir dies nicht tun, wird sich an der Gegebenheit – dass der von uns Gegangene nicht mehr unter uns weilt und auch nicht zurückkehren wird – nichts ändern.

    Auch eventuelle Selbstvorwürfe – „ich hätte es ja vielleicht verhindern können, wenn…“ – ändern nichts an der Situation. Wenn es tatsächlich Grund für Selbstanschuldigen gibt, so sollte man daraus lernen und es künftig besser machen sowie anderen Menschen dazu berichten, damit diese nicht ähnliche Fehler begehen.

    Der Verstorbene hat die Probleme dieser Welt hinter sich gelassen und es wird ihm hoffentlich in einer anderen Welt besser gehen. Dass ein solcher Verlust für die Hinterbliebenen sehr schmerzlich sein kann, ist nachvollziehbar. Doch liegt dies nicht zu einem gut Teil an der Unfähigkeit oder der fehlenden Bereitschaft loszulassen?

    Wir Menschen sind überwiegend sehr egoistisch. Was uns lieb und teuer ist, wollen wir mit aller Gewalt festhalten. Soweit es sich dabei um eine Sache, ein materielles Gut handelt, mag dies ja noch okay sein. Doch wenn es um ein Lebewesen – egal ob Mensch oder Tier – handelt, sind „Besitzansprüche“ (auch bei einem eigenen Kind) unangebracht und wir sollten lernen den Willen desjenigen zu akzeptieren, auch wenn es uns nicht genehm ist. Wie heißt es doch: Was du lieb hast, sollst du loslassen…

    Erinnern Sie sich an die Jahre, die Sie mit Ihrem Kind verbracht haben (verbringen durften). Es hat Ihr Leben mit Sicherheit bereichert. Danken Sie Gott dafür. Und vergessen Sie nicht – alles in dieser Welt ist endlich!

    Bleiben Sie tapfer.

    Alles erdenklich Gute wünscht Ihnen
    Max Schultheis

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Hallo Max …

      Danke für Ihren Kommentar.
      Es ist alles richtig, so, wie Sie es schreiben. Allerdings gilt es für uns Hinterbliebene, dies erst einmal zu verstehen. Mit dem Herzen zu verstehen.
      Der Weg vom Kopf bis zum Herzen ist der längste Weg überhaupt.

      Ich brauchte eine gewisse Zeit, um mich mit der veränderten Situation zurecht zu finden und meinen Sohn loszulassen. Jetzt, nachdem ich es geschafft habe, weiß ich, wie wertvoll diese Zeit war und ist. Diese Gefühle, die ich in mir trug, möchte ich mir auch weiterhin erhalten, denn auch sie waren und sind wertvoll für mein jetziges Leben.
      Ich kann heute sagen, dass ich viel bewusster lebe. Vor dem Suizid meines Sohnes hatte ich einen ganz anderen Blickwinkel. Ich habe mich sogar neu kennengelernt und das ist auch gut so.

      Liebe Grüße schickt Ihnen
      Annette Meißner

      Antworten
    • Lieber Max,
      vom Verstand her ist das mit Sicherheit alles richtig und rational gedacht was sie hier schreiben, ich wünsche ihnen in ihrem Leben niemals ein Kind zu verlieren…das herz will und kann es nicht verstehen. Grüße, Barbara

      Antworten
  • Liebe Annette,

    danke, dass Du Deine Erfahrungen so mutig beschreibst. Es ist sehr berührend Deine Geschichte zu lesen. Du hast für Dich Deinen Weg gefunden und ich wünsche anderen Betroffenen, dass sie von Deiner Kraft profitieren können.

    Alles Gute, Barbara

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Barbara …

      Hab vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Anfänglich hatte ich große Schwierigkeiten meinen Weg zu finden. Als ich aber merkte, dass es anderen Betroffenen genau so erging, wie mir, fühlte ich mich gestärkt.
      Die Hilfe, die ich von lieben Menschen bekam, bewirkte in mir Hoffnung und Kraft. Zuerst ein wenig und mit der Zeit wurde es mehr. Hilfe, Hoffnung und Kraft möchte ich gerne weiter geben, denn ich bin dankbar für all die wachsenden Gefühle, die ich jetzt in mir tragen kann.

      Liebe Grüße schickt Dir
      Annette

      Antworten

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