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Ich höre von ihrem/seinen Tod- wie viel Zeit lasse ich verstreichen?

Jemand sagte zu mir: „Auf Grund meiner Erfahrung mit anderen Hinterbliebenen warte ich ca 3,5 Monate. Erst dann melde ich mich bei diesem Menschen, um zu fragen, wie es ihm geht. Es kommt natürlich auch darauf an, in was für einem Verhältnis ich zum Betroffenen stehe. Fremd oder Freund oder Verwandtschaft. Dann sind die ersten Phasen vorbei. Wut, Liebe, Trauer, Hoffnungslosigkeit.“

Dies ist eine Aussage einer Unbeteiligten. Warum sie wartet, bis die Phasen vorbei sind, kann ich nicht sagen. Ich fragte nach, erhielt jedoch keine Antwort. Schade, denn es wäre wichtig für mich, dies zu erfahren.

Da ich nicht mehr als Unbeteiligte gelte, kann ich mir diese Frage nicht beantworten. Nach dem Suizid meines Sohnes habe ich mein Denken grundlegend verändert. Ich kann nur spekulieren. Ich denke mir, dass die Menschen unsicher sind und nicht wissen, was sie sagen sollen. Auch will vielleicht niemand aufdringlich erscheinen. Vielleicht sind sie auch sehr geschockt und wissen nicht, wie sie uns gegenüber treten sollen oder dürfen.
Viele Male „Vielleicht“.

Ich, als Betroffene, fand es damals enorm wichtig, Menschen um mich zu haben. Ich habe mich über jeden Brief, jede Karte und jeden Besuch gefreut. So war ich mir sicher, dass die Menschen an mich denken. Und genau das war sehr wichtig für mich. Besonders kurz nach dem Tod von Enrico fühlte ich mich einsam und verlassen.

In vielen Gespräch mit anderen Suizidhinterbliebenen stellte ich immer wieder fest, dass wir uns alle dasselbe wünschen.

Anteilnahme

Wir Suizidhinterbliebenen werden plötzlich mit dem Tod konfrontiert und haben das Gefühl, dass ein Teil von uns gestorben ist. Im Grunde genommen ist dem auch so. Das Gefühl, „noch am Leben zu sein“, wird durch unsere Mitmenschen, die uns wissen lassen, dass sie an uns denken, unterstützt. Auch wenn es im ersten Moment nicht den Anschein hat, aber jeder Mensch, der sich bei einem Hinterbliebenen meldet, trägt zur Trauerbewältigung bei. Wir fühlen uns nicht mehr so verlassen.

Zu jener Zeit, als Enrico ging, konnte ich über all diese Gefühle nicht reden. Heute bin ich so weit, dass ich darüber sprechen und schreiben kann. Nicht nur ich, sondern auch andere Suizidhinterbliebene denken und fühlen gleichermaßen.

Am Liebsten hätte ich seinerzeit laut in die Welt hinausgeschrien:

„Bitte lasst uns Suizidhinterbliebene nicht alleine. Besonders in der Anfangszeit. Denn wir sind bereits von unserem geliebten Menschen durch den Suizid verlassen worden. Gebt uns das Gefühl des „Wichtigseins“, denn auch das haben wir verloren, als uns unser geliebter Mensch verlassen hat.“

Ich weiß, dass es schwer sein kann, die passenden Worte zu finden. Besonders uns Suizidhinterbliebenen gegenüber. Und genau, das darf natürlich auch gesagt werden:
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll…“

Ich hoffe, dass ich mit diesem Artikel dazu beitragen kann, die Unsicherheit gegenüber uns Suizidhinterbliebene ein wenig abzubauen.

Wenn niemand etwas sagt oder ändert, wird alles so bleiben, wie es ist.
Ich sage etwas…

Ich sende Euch ganz viele liebe Grüße aus Hagen,
Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

10 Gedanken zu “Ich höre von ihrem/seinen Tod- wie viel Zeit lasse ich verstreichen?

  • Hallo Anette,

    Danke für Ihren Bericht im Tv und Ihre Webseite hier. Auch ich habe jemanden durch Suizid verloren. Es war der ehemalige Partner. Bitter sind eigentlich die Kommentare die man im Laufe der Zeit so zugetragen bekommt. Bei mir ist das nun über zwei Jahre her und immer noch dreht sich viel darum oder wieder. Da ist soviel Unsicherheit im Umgang mit ehemaligen Freunden, eigentlich gibt es da im Prinzip keinen Kontakt mehr. Wenn ich mir die Suizidraten in Deutschland ansehe, erschrickt es mich, dass es so wenig an Informationen darüber gibt und durch das Unwissen die vielen zusätzlichen Verletzungen aus meiner Sicht entstehen. Es wird immer gesucht und gesucht nach Gründen, obwohl Suizid eine weitaus ‚gängigere‘ Todesursache ist, als Verkehrsunfälle und Co. Das mag jetzt unschön geklungen haben. Aber auch ich würde mir Wünschen ein ‚normaleren‘ Umgang mit Suizidangehörigen oder auch persönlich von Suizid Betroffenen voran zu treiben.

    Alles Gute Ihnen

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Vera …
      Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar.
      Ja, es ist für „Nichthinterbliebene“ auch sehr schwer, mit der situation umzugehen. Es gibt sehr wenig Informationen, worauf jemand zurück greifen kann.
      Daher ist es wichtig, dass wir Hinterbliebene laut aussprechen, was wir gerne möchten und wie wir gerne behandelt werden möchten.
      Ein normaler Umgang hilft uns schon viel weiter, so wie Sie es auch schon sagten.
      Einen ganz lieben Gruß schicke ich Ihnen,
      Annette Meißner

      Antworten
  • Du schreibst mir aus der Seele. Ich habe alles erlebt. Gute Bekannte haben sich nicht mehr gemeldet und von denen man es nicht gedacht hat, sind gleich vorbeigekommen.
    Eine sehr liebe Tante, die sich sonst immer an die gesellschaftlichen „Vorschriften“ gehalten hat, hat nicht mal eine Karte geschickt, weil sie nicht wusste, wie sie damit umgehen soll…
    Ich war sehr entsetzt. Mein Sohn hatte sich das Leben genommen. Manche schweigen die Tatsache einfach tod oder behandeln das Thema, als wäre vielleicht „nur“ ein Hund gestorben.
    Ich war sehr aggressiev zu der Zeit, und nur die Wegreise in eine andere Umgebung, in der niemand von der Sache weiß, hat mir beim Überleben geholfen.
    LG

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Karin,
      leider erleben wir zu unseren schlimmsten Zeiten noch mehr Situationen, die uns noch mehr aus der Bahn werfen. Was ich jedoch festgestellt habe ist, dass ich viele liebe Menschen kennengelernt habe, die mich unterstützten. Diese Menschen waren zu dem damaligen Zeitpunkt Fremde. Heute sind einige dieser Menschen Freunde geworden. Diese Freundschaften halten bis heute an, denn die Basis war sehr innig und tief.
      Nicht nur andere Hinterbliebene sondern auch Nichtbetroffene haben mich auf meinem Weg begleitet. Dies sind wertvolle Begegnungen, die ich nicht mehr missen möchte.
      Wenn mich ein „Freund“ in solch einer Situation verlässt, war er niemls einer.
      Zu dieser Erkenntnis bin ich erst sehr spät gekommen.
      Liebe Karin, lass Dich mal lieb in den Arm nehmen und ich sende Dir viele tröstende Grüße rüber,
      Annette

      Antworten
  • Liebe Annette,
    ich stimme dem voll und ganz zu, was du geschrieben hast.
    Habe zwar nur zwei Freundinnen durch Suizid verloren und niemanden aus der Familie, aber selbst da konnte ich zuerst nicht reden und hätte mir vor allem auch gewünscht, daß mir jemand beisteht.
    Mehr kann ich jetzt grad gar nicht schreiben, aber das Wichtigste ist auch gesagt.
    Und: ich bin sehr stolz auf dich, was du bisher alles geschafft hast (Gruppe, Buch, TV usw.). Du bist eine starke Frau!!!
    Wir lesen uns bei FB 😉

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Corinna …
      Vielen, vielen lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Es ist unwichtig, ob der geliebte Mensch, der sich das Leben nahm, zur Familie gehörte, oder nicht. Die Gefühle, die wir diesem Menschen entgegenbrachten und noch bringen, sind bedeutend. Es ist immer sehr schade, wenn niemand in der Nähe ist, der tröstet oder nur zuhört. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich solch einen lieben Freundeskreis und eine so liebe Familie in dem Moment um mich hatte. Es ist mir sehr wohl bewusst, dass sich nicht jeder Hinterbliebene in der glücklichen Lage befindet, in der ich mich befand. Aus diesem Grunde möchte ich gerne helfen und die Stiftung gründen. Ich bin dabei, mein Netzwerk aufzubauen und habe schon ein paar liebe Menschen, die sich mir anschließen.

      Ja, wir lesen uns auf FB :-)

      Antworten
  • Liebe Annette,
    das finde ich super,dass Du das mal schreibst, was uns quasi auf der Seele brennt.
    Und ja, es stimmt, nach dem Suizid eines geliebten Menschen fühlt man sich einsam und verlassen und die Menschen unserer Umgebung wissen gar nicht, wie weh dieses“ich geh mal lieber aus dem Weg, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll-Gefühl“tut.
    Ich habe mich auch“gefreut“, über jede einzelne Karte, die wir bekamen. Selbst von Nachbarn, mit denen wir eigentlich vorher nie etwas zu tun hatten, klingelten bei uns, überreichten ein kleines Blumensträußchen und drückten mich ganz fest. Das fand ich total lieb, denn es bedarf doch eigentlich gar keiner Worte…einfach auch nur da sein, in dem Arm nehmen, das tut schon ungemein gut!

    Auch Carola hat recht.Wir brauchen Menschen, die uns so annehmen, wie wir sind, aber wir werden doch ganz sicher nicht immer so bleiben.
    Uns ist etwas sehr Schlimmes passiert, das eine tiefe Wunde in uns hinterlassen hat. Wir fühlen und so verletzlich, versuchen unser Leben neu zu ordnen, uns neu zu finden. Alles muß nun ohne diesen geliebten Menschen laufen, muß weitergehen. Dass das so viel Kraft kostet manchmal, verstehen leider auch nur die, die ebenso betroffen sind.

    Erst kürzlich bin ich mit einer neuen Bekannten und unseren Kindern auf einem Stadtfest unterwegs gewesen. Es war ein schöner Nachmittag. Wir haben uns nett unterhalten und unsere Kinder hatten ihren Spaß.
    Abends bedankte ich mich nocheinmal bei ihr für den schönen Nachmittag.Sie meinte, es wäre kein Problem gewesen und vielleicht könnten wir ja irgendwann abends mal einen drauf machen.
    Nun muß ich dazu sagen, dass mir nach Dennis‘ Tod vor knapp ein einhalb Jahren aber einfach nicht nach Party machen ist (ich denk, hier wird das sicher jeder nachvollziehen können) und ein netter Nachmittag oder netter Abend bei einer Flasche Wein, das fände ich auch sehr angenehm.
    Daraufhin meinte sie, dass mein Sohn doch sicher nicht gewollt hätte, dass ich mein Leben anhalte. Bei solchen Sprüchen schwillt mir dann sehr schnell der Kamm!

    Ich antwortete ihr, dass ich mein Leben nicht angehalten hätte, sondern nur langsam gehe, das ist ein großer Unterschied oder nicht?
    Wir sprachen in den Tagen danach nicht mehr darüber, aber sie kam uns trotzdem wieder besuchen und fragte letzte Woche auch, ob ich Lust hätt, mit ihr zu frühstücken (leider mußt ich absagen, da ich letzte Woche wieder mal arg mit meinen Nebenhöhlen zu kämpfen hatte), aber ich find trotzdem gut, dass sie mir nicht den Rücken kehrt. Ich muß mich ja auch nicht ständig über mein totes Kind unterhalten. Einfach“nur mal ganz normale Gespräche“tun einem auch sehr gut und helfen einem auch, wieder kleine Schritte ins Leben zurück und etwas größere Schritte aus der Traurigkeit heraus.

    Ich habe übrigens mal etwas aus meiner Webseite kopiert und finde den Text hier eigentlich ganz passend (man achte besonders auf die letzten Zeilen)…

    Mitmenschen, nehmt uns Trauernde an…
    Geht behutsam mit uns um, denn wir sind schutzlos. Die Wunde in uns ist noch offen und weiteren Verletzungen preisgegeben.
    Wir haben so wenig Kraft, um Widerstand zu leisten.

    Gestattet uns unseren Weg, der lang sein kann. Drängt uns nicht, so zu sein wie früher, wir können es nicht.
    Denkt daran, daß wir in Wandlung begriffen sind.
    Laßt euch sagen, daß wir uns selbst fremd sind.
    Habt Geduld.

    Wir wissen, daß wir Bitteres in eure Zufriedenheit streuen, daß euer Lachen ersterben kann, wenn ihr unser Erschrecken seht, daß wir euch mit Leid konfrontieren, das ihr vermeiden möchtet

    Wenn wir eure Kinder sehen, leiden wir.
    Wir müssen die Frage nach dem Sinn unseres Lebens stellen.
    Wir haben die Sicherheit verloren, in der ihr noch lebt.

    Ihr haltet uns entgegen: auch wir haben Kummer!
    Doch wenn wir euch fragen, ob ihr unser Schicksal tragen möchtet, erschreckt ihr.
    Aber verzeiht: unser Leid ist so übermächtig, daß wir oft vergessen, daß es viele Arten von Schmerz gibt.

    Ihr wißt vielleicht nicht, wie schwer wir unsere Gedanken sammeln können.
    Unsere Kinder begleiten uns. Vieles, was wir hören, müssen wir auf sie beziehen.
    Wir hören euch zu, aber unsere Gedanken schweifen ab.

    Nehmt uns an, wenn wir von unseren Kindern und unserer Trauer zu sprechen beginnen.
    Wir tun das, was in uns drängt.
    Wenn wir eure Abwehr sehen, fühlen wir uns unverstanden und einsam.

    Laßt unsere Kinder bedeutend werden vor euch.

    Teilt mit uns den Glauben an sie.
    Noch mehr als früher sind sie eine Teil von uns.
    Wenn ihr unsere Kinder verletzt, verletzt ihr uns.
    Mag sein, daß wir sie vollendeter machen, als sie es waren, aber Fehler zuzugestehen fällt uns noch schwer. Zerstört nicht unser Bild.
    Glaubt uns, wir brauchen es so.

    Versucht, euch in uns einzufühlen.
    Glaubt daran, daß unsere Belastbarkeit wächst.
    Glaubt daran, daß wir eines Tages mit neuem Selbstverständnis leben werden.
    Euer “Zu-trauen” stärkt uns auf diesem Weg.

    Wenn wir es geschafft haben, unser Schicksal anzunehmen, werden wir euch freier begegnen.
    Jetzt aber zwingt uns nicht mit Worten und Blick, unser Unglück zu leugnen.
    Wir brauchen eure Annahme.
    Vergeßt nicht: wir müssen so vieles von neuem lernen.
    Unsere Trauer hat unser Sehen und Fühlen verändert.

    Bleibt an unserer Seite.
    Lernt von uns für euer eigenes Leben.

    Erika Bodner

    Ist es ok für Dich, wenn ich Deine Seite auf der Webseite meines Sohnes verlinke? Habe extra eine Kategorie für Links eingerichtet zum Thema Suizid.

    Ganz liebe Grüße (und weiter so!)
    Bianca

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Bianca!

      Hab vielen Dank für Deinen Kommentar. Deine Worte sind wunderbar und sehr zutreffend. Dem ist nichts hinzuzufügen.
      Ich freue mich sehr, wenn Du meine Seite auf Deine Seite verlinkst.

      Ganz viele liebe Grüße sendet Dir
      Annette

      Antworten
  • Uns allen aus dem Herzen geschrieben. Danke! Ich hoffe, es erreicht die Menschen, die das Thema Suizid immer noch tabuisieren und Berührungsängste und Unsicherheit uns Hinterbliebenen gegenüber haben. Manchmal sind wir Betroffene gefangen in unserer Trauer, ganz sicher auch nach vielen jahren noch, aber es braucht Menschen um uns herum, die uns mit unserem Schicksal annehmen und verstehen, dass wir, auch wenn wir uns verändert haben, niemand anders sind.

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Carola,
      Hab lieben Dank für Deine Antwort auf meinen Artikel.
      Ja, manchmal ist es schwer zu verstehen, dass wir doch die selben geblieben sind, denn unser Schicksal ist noch ein Tabuthema.
      Da ich die Zeit nach Enricos Tod nutzen konnte, um zu heilen, habe ich jetzt die Kraft all die Gefühle zu beschreiben und meine, bzw unsere Wünsche zu äußern. So möchte ich dazu beitragen, dass das Thema Suizid enttabuisiert wird. Für jeden einzelnen von uns ist es schon schwer genug, damit fertig zu werden. Die Offenheit unserer Mitmenschen kann uns jedoch dabei helfen.
      Liebe Carola, ich wünsche Dir weiterhin alles Liebe.
      Wir bleiben in Verbindung.
      Viele Grüße aus Hagen schickt Dir
      Annette

      Antworten

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