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Geburtstage und andere Feiertage

Meine lieben Leserinnen und Leser…

Geburtstage sind etwas Besonderes. Wir feiern sie auf unterschiedlichste Art und Weise. Der eine Mensch feiert gerne ganz groß und der andere Mensch feiert lieber im kleinen Rahmen. Natürlich gibt es auch Menschen, die gar nicht gerne feiern. Das ist allerdings die Ausnahme. Meistens werden Freunde und Familienangehörige eingeladen, die mit dem „Geburtstagskind“ zusammen sitzen und feiern. Der eine oder der andere erzählt gerne aus der Vergangenheit und kleinere oder größere Geschichten kommen zu Tage. Ist die Feier vorbei, haben wir wieder schöne Erinnerungen von diesem besonderen Tag.

Der Geburtstag läuft allerdings ganz anders ab, wenn das „Geburtstagskind“ nicht mehr lebt. Mein Sohn wurde nur 19 Jahre jung und hat sich dann entschieden, nicht mehr hier auf Erden bleiben zu wollen. Trotzdem feiere ich seinen Geburtstag. Es ist zwar traurig, dass er Mensch nicht mehr unter uns lebt, aber wir Hinterbliebenen nutzen den Tag um besonders intensiv an unsere Lieben zu denken. Jeder nutzt diesen Tag auf unterschiedlich Art und Weise.

Wie ich den Tag verbrachte, möchte ich Dir jetzt berichten:

Am Tag vor dem Geburtstag bereitete ich alles für den Geburtstag vor und stellte eine Kerze auf den Tisch, um sie am nächsten Morgen sofort anzuzünden. Es ist eine ganz besondere Kerze, die ich nur an Enricos Geburtstag und an bestimmten Feiertagen anzünde.

Im Agus-Forum schrieben mir ganz viele liebe Menschen, dass sie am nächsten Tag an Enrico und an mich denken werden. Auch werden sie eine Kerze an zünden. Das ist ein sehr schönes Gefühl, denn die Verbundenheit in diesem Forum ist sehr intensiv. Ich nahm mir für den nächsten Tag vor, meine Gefühle zuzulassen, mich aber nicht von den Gefühlen übermannen zu lassen.
Dann kam der Geburtstag.

Ich stand auf, zündete die Kerze an und trank meinen Kaffee. So saß ich in der Küche und erinnerte mich an die Zeiten, als er noch lebte. Meine Jungs bekamen immer ein ausgiebiges „Geburtstagsfrühstück“ mit Kerzen, Luftballons und Geschenken. Nachmittags kamen dann die Gäste und wir feierten gemeinsam den Geburtstag.

Tränen liefen über meine Wangen, denn ich saß jetzt alleine in der Küche. Die Tränen taten mir gut. Auch dass ich alleine war, tat mir gut.

Meine Freundin schlug mir vor, Enricos Geburtstag mit mir zusammen zu feiern. Sie bat sich an, bei ihr eine kleine Feier zu veranstalten. Das fand ich total lieb von ihr. Allerdings entschied ich mich kurzfristig, seinen Geburtstag alleine verbringen zu wollen.

Als ich dann die Einladung absagte, war sie damit einverstanden, denn für sie war es wichtig, dass ich mich gut fühlte. Die Reaktion ihrerseits erfreute und erleichterte mich sehr, denn ich konnte ohne ein schlechtes Gewissen für mich alleine bleiben. Das tat mir sehr gut.

Tagsüber wollte ich all die Dinge verrichten, die ich zu erledigen hatte. Auch nahm ich mir vor, konzentriert durch den Tag zu gehen und erst Abends mir die Zeit zu nehmen, an Enrico zu denken. Es gelang mir sehr gut, denn ich wusste, dass ich später Zeit für mich und meine Gefühle hatte.

Mein großer Sohn rief mich abends an, und wollte sich einfach mal bei mir melden und wissen, wie es mir geht. Ich freute mich sehr über seinen Anruf. Auch er  dachte an den Geburtstag seines Bruders.

So verbrachte ich den Abend von Enricos Geburtstag damit, mir Fotos an zu sehen und Musik zu hören, die wir beide gemeinsam gerne hörten. Wieder schwelgte ich in Erinnerungen. Enrico war ein lustiges Kind. Das sieht man auf den Fotos. Manchmal musste ich weinen und manchmal musste ich schmunzeln. Ich genoss diesen Abend ganz besonders.

Auch rief mich meine Schwiegertochter an und wir sprachen lange über Enrico. Wir weinten und lachten gemeinsam am Telefon. Für sie ist es sehr wichtig, dass meine kleine Enkelin später weiß, dass Enrico ihr Onkel war. Sie möchte nicht, dass er vergessen wird. Dieses Gespräch zeigte mir, dass Enrico eine wichtige Person nicht nur in meinem Leben war.
Später am Abend rief meine Schwester an und wollte mich wissen lassen, dass auch sie an Enricos Geburtstag dachte und sich erinnerte, wie wir damals feierten. Die Unterhaltung über Enrico fiel dann sehr lustig aus, denn wir hatten beide schöne Erinnerungen an ihn. Alles in allem war es ein schöner Abend für mich. Ich fühlte mich wohl.

Gefühle zulassen ist sehr wichtig. Allerdings ist es ein Unterschied, ob wir Gefühle zulassen, oder ob die Gefühle uns beherrschen. Das habe ich in den Jahren gelernt.

Ich erlaubte mir meine Gefühle bewusst zuzulassen. Diese Erlaubnis meinerseits brachte mich wieder mal ein Stück weiter in der Entwicklung meiner Trauerverarbeitung. Auch wusste ich für mich, dass ich mich am nächsten Tag wieder gut fühlen würde. So war es auch.

Für uns Suizidhinterbliebene ist es sehr wichtig, zu lernen mit den Gefühlen umzugehen. Geburtstage und andere Feiertage sind eine besondere Herausforderung für uns. Auch wünschen wir uns von unseren Freunden und von der Familie, dass sie auf uns und unsere Wünsche eingehen. So, wie es meine Schwester, mein großer Sohn, meine Schwiegertochter und meine Freundin taten. Auch die Menschen aus dem Forum waren in Gedanken bei mir, was mir auch viel Kraft gab.

An dieser Stelle möchte ich in eigener Sache sagen: „Ein dickes Dankeschön an  Euch. Schön, dass ihr da seid.“

Enrico soll nicht vergessen werden und ich habe wieder mal dazu gelernt, mit dem Tod meines Sohnes besser umzugehen und das Leben trotzdem zu leben und zu genießen.

Viele Grüße schickt Euch

Annette

Autor

Name: Annette Meissner

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