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Falsche Worte, keine Worte, tröstende Worte

Worte haben eine immense Kraft.

Mit falschen Worten kann man viel kaputtmachen.
Mit Schweigen kann man sowohl viel kaputtmachen und als auch helfen und
mit tröstenden Worten kann man ein Stück weit helfen.

Anfänglich habe ich gar nicht reagieren können, wenn mir jemand in meinen Augen falsche oder gar keine Worte entgegenbrachte, denn ich fühlte mich schwer verletzt. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich drehte mich rum und ging einfach weg. Der Schmerz war zu groß.

Worte, die ich in der Anfangszeit nicht hören wollte und dennoch zu hören bekam, waren folgende:

„Kopf hoch, es wird schon wieder.“
„Denke immer positiv.“
„Das Leben geht weiter.“
„Wir müssen alle mal sterben.“
„Jetzt geht es ihm besser.“
„Der Schmerz geht auch wieder vorbei.“

Meine Mitmenschen wussten einfach nichts anderes zu sagen und wollten mich trösten oder einfach nur etwas sagen. Ich unterstelle jetzt mal keine böse Absicht. Aus Unwissenheit heraus kamen diese Worte und verletzten mich, oder taten mir sehr weh. Dennoch konnte ich mich nicht wehren. Ich war diesen Worten hilflos ausgeliefert, denn ich brachte ihnen nichts entgegen. Ich war zu schwach. Das Schweigen, einzelner Menschen empfand ich unterschiedlich. Mal war es angebracht und ein anderes Mal empfand ich es als Ignoranz meiner Situation und meiner Gefühle gegenüber.

Aber was wollte ich wirklich hören? Was tät mir gut oder hat mir gut getan?

Ich gebe zu, es ist nicht einfach, in einer solchen Situation „richtig“ zu reagieren. Daher möchte ich es hier in meinem Blog ansprechen.
Im Grunde habe ich mir gewünscht, dass mir positive Gefühle entgegengebracht wurden. Ein „ich fühle mit dir“ oder „es tut mir leid“ oder „es ist so schrecklich, was passiert ist“ oder einfach nur schweigend in den Arm genommen zu werden hätte und hat mir geholfen. Auch ein „ich weiss nicht, was ich sagen soll“ wäre angebrachter gewesen als „das Leben geht weiter“.

Was mir auch sehr wehtat, war das Schweigen. Als ich von meinem Sohn sprach, kam keine Reaktion meines Gegenübers. So, als habe Enrico niemals gelebt. Damals war ich hilflos und dachte, ich hätte etwas Falsches gesagt. Dazu muss ich sagen, dass ich in den ersten zwei Jahren nach dem Tod meines Sohnes sehr unsicher und verletzlich war.

Als ich letzte Woche über Enrico sprach, schwieg mein Gesprächspartner und er tat so, als habe ich nichts gesagt. Ich sprach ihn darauf an und fragte, warum er denn nichts dazu sagt. Er antwortete mir mit folgenden Worten: „Ich möchte Dir nicht wehtun, weil ich nicht weiss, wie Du darauf reagierst.“ Woraufhin ich ihm entgegnete: „Du würdest mir mehr wehtun, wenn Du nicht reagierst, denn Enrico ist zwar tot, doch er gehört immer noch zu meinem Leben. Er war und ist mein Sohn, der 19 Jahre mit mir zusammenlebte. Ich erinnere mich sehr gerne an ihn und seine witzigen Aktionen, die ich mit ihm erlebte. Ich fühle mich gut, wenn ich über ihn erzählen kann.“

Das versetzte meinen Gesprächspartner in Staunen, denn er war bis dato noch nie in einer solchen Situation und war froh, dass ich offen darüber sprach. Ab jetzt fühlt er sich freier und ungezwungener in einer Unterhaltung über Enrico in meinem Leben.

Vor drei Jahren hätte ich es nicht geschafft, so offen und ehrlich zu sein, denn ich wäre, wie ich es auch tat, einfach aufgestanden und gegangen. Hätte das Thema Enrico auch nicht mehr angesprochen. Heute, nachdem ich mich einige Jahre mit mir und dem Tod auseinandergesetzt habe, kann ich ohne Schmerz darüber reden, was ich nicht möchte und was ich möchte.

Ich wünsche mir, dass die Themen „Tod“, „Suizid“ und „Suizidhinterbliebene“ durch offene Gespräche ein freieres miteinander umgehen hervorruft.

Liebe Grüße sendet Euch
Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

10 Gedanken zu “Falsche Worte, keine Worte, tröstende Worte

  • Hallo! Ich bin selbst betroffen, mein Sohn hat vor 5 Wochen Suizid gemacht! Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht! Ich weiss noch nicht, wie ich weiter Leben kann! Ich suche verzweifelt nach hilfe! Es ist halt noch sehr früh, aber ich weiss nicht wie ich das Aushalten kann!
    Liebe Grüße
    Heike

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Heike,
      ich habe Dir eine E-Mail geschrieben, denn ich weiß, wie Du Dich fühlst.
      Erst einmal nehme ich Dich lieb in den Arm und schicke Dir tröstende Grüße aus Essen rüber,
      Annette

      Antworten
  • Liebe Annette,

    toll was du aus deinem Schicksal gemacht hast. Die Ausbildung zur Trauerbegleiterin habe ich auch gemacht. Ein Buch zu schreiben traue ich mir (noch) nicht zu. Gerne würde ich dein ebook lesen, kann es aber nicht herunterladen. :-(

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Ganz lieben Dank, Ursel.

      Das E-Book ist zur Zeit noch nicht verfügbar, doch Printausgaben kann ich noch einige verkaufen, denn die sind noch hier bei mir zu Hause.

      Vielleicht schreibst Du eines Tages auch ein Buch, denn Literatur zu diesem Thema gibt es noch nicht viel.

      Einen ganz lieben Gruß sendet Dir
      Annette

      Antworten
  • Hier ein Gedicht… hoffentlich als kleiner Trost?

    NAMEN

    Lösch‘ nicht ihren Namen aus
    verließen sie auch dies‘ Leben.
    Lösch‘ nicht ihren Namen aus
    als hätt‘ es sie nie gegeben.
    Das Liebste, das wir bessessen
    in ihnen das Zukunftsbild gesehen.
    Erwarte nicht Vergessen
    als wäre nicht geschehen.

    Denn ich will weiterleben
    doch wie, weiß ich nicht gut,
    gehöre hier zu diesem Leben
    und brauch‘ zum Überleben Mut.

    Lösch‘ darum nicht ihren Namen aus,
    nenn‘ ihren Namen und laß‘ mich wissen
    auch dir soll’s kein Vergessen geben
    nur so kann ich noch weiterleben.

    (Gerry den Otter)

    Antworten
  • barbara titel

    liebe annette.ich wünsche dir das du weiterhin so weitermachst !vergesse nie deinen sohn er hätte es sich auch nicht gewünscht,du hast allen grund auf die lebensgeschichte zurück zu blicken,es ist und bleibt ein stück aus euren leben…und warum nicht ein paar worte zum trost sagen oder einen menschen in den arm nemen.es ist schwer für alle hinterbliebenden und so kalt kann eigendlich keiner sein zu sagen es tut mir leid,und die person in den arm zu nehmen….ich verstehe dich und drück dich ganz lieb…barbara

    Antworten
  • Hallo Annette,
    du hast mir aus der Seele gesprochen – aber als indirekt betroffener – ich weiß nie was ich sagen soll…und ich glaube ich wollte auch nichts von anderen hören, wenn es bei mir so ist. Aber ich würde auch nie sagen, Leben geht weiter, Kopf hoch usw. das ist blöd. Aber ich kann auch nicht sagen ich fühle mit dir, weil dass was eine Mutter in dem Moment fühlt doch keiner mitempfinden kann. Ich kann für jemanden da sein und ihn in die Arme nehmen – das geht – aber ich glaube tröstende Worte sind sehr schwer aus zu sprechen – da es die in dem Moment doch nicht gibt. Deinen Bericht finde ich toll und ich werde auch in Zukunft anstatt zu schweigen vielleicht doch sagen – ich weiß nicht was ich sagen soll. Danke dafür LG Andrea

    Antworten
  • Veronika Karl

    Liebe Annette,

    Ich stimme Dir voll zu, mir ging und geht es genauso.
    Wir möchten über unsere Kinder reden, sie waren und sind ein Teil unseres Lebens…und werden es immer bleiben!
    Ganz liebe Grüße
    Veronika

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Veronka …
      Genau so ist es. Sie werden es immer bleiben.
      Auch wenn ein Elternteil gegangen ist, oder der Partner, das Geschwisterteil oder ein Freund. Er oder sie soll niemals totgeschwiegen werden.
      Einen ganz lieben Gruß schickt
      Annette

      Antworten

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