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Ein Brief an Alle

Ihr Lieben!

Christina Stern ist eine hinterbliebene Mutter. Sie hat nach dem Suizid ihres Sohnes einen offenen Brief geschrieben. Diesen Brief darf ich auch hier in meinem Blog publizieren. Dafür möchte ich mich recht herzlich bedanken. Mit diesen Brief klärt sie die Gesellschaft auf, wie es in uns Hinterbliebenen aussieht und bittet darum, die Reaktionen der Amtsträger und der Mitmenschen zu überdenken.
Hier nun der Brief:

Über Menschen, die uns am 26.Juli 2008 begegnet sind und der Zeit danach;

Die Woche vor dem 26. Juli 2008

Unser 18jähriger Sohn Christoph hat sein Fachabitur sehr gut bestanden; sein jüngerer Bruder Andreas hat einen Ausbildungsplatz; wir sind sehr stolz auf unsere Jungs. Christoph plant für die nächsten 2 Wochen erstmal ausruhen und sich mit seinen Freunden treffen, zu feiern, bevor er sein 1 jähriges Praktikum antritt.

Am Nachmittag des 25. Juli verabschiedet sich Christoph gut gelaunt mit den Worten:“ Also Mama, bis spätestens morgen Mittag bin ich wieder zurück.“ Er wollte Freunde treffen, um mit ihnen zu feiern. Abends mache ich mich auf den Weg zum Nachtdienst; mein Mann ist auch schon unterwegs, auch er hat Nachtdienst. Am nächsten Morgen kaufe ich auf dem Heimweg noch Brötchen und decke den Frühstückstisch für 4 Personen, danach lege ich mich schlafen. Mein Mann kommt etwas später.

Gegen 10 Uhr werden wir durch Klingeln und Klopfen geweckt. Mein Mann hört es als Erster und geht zur Tür. Ich komme gerade zur Küche und höre meinen Mann sagen:“Das darf doch nicht wahr sein!“ Er dreht sich zu mir herum und sagt fassungslos: „Christoph hat sich umgebracht“.

Was nach diesem Satz mit mir passiert, kann ich teilweise nur wiedergeben, denn manches habe ich wie durch einen Schleier erlebt. Ich schaue in die Küche und sehe 2 Polizisten vor mir und sage: “ Nein, das ist nicht wahr!!!“ Die Polizistin sagt darauf recht gefasst: „Doch, es stimmt. Christoph hat sich morgens um 5.54 vor einen Zug geworfen!!“

Ich weine, ich schreie ich renne durchs Haus. Ich will das nicht glauben. 2 Seelsorger versuchen uns zu beruhigen, was ihnen nicht gelingt. Ich bin ständig in Bewegung, ich bin atemlos, fassungslos und ein ungeheurer Schmerz, der kaum auszuhalten ist, ist in mir. Obwohl ich das Gefühl habe, den Verstand zu verlieren, rufe ich auf meiner Station an und sage dem Kollegen, das ich nicht zum Dienst kommen kann.

Mein Mann ist nicht in der Lage, auf seiner Station anzurufen; dies übernimmt Andreas, der auch meinen Bruder und Freunde von uns anruft. Die Seelsorger haben in der Zwischenzeit einen Arzt angerufen, damit ich ein Beruhigungsmittel gespritzt bekomme.

Das Allererste, was der Arzt von mir möchte, ist mein Versicherungskärtchen!!!!! Ich glaube, mich daran erinnern zu können ist, dass ich ganz hysterisch rufe: „Ich habe meinen Sohn verloren!“ Und der denkt nur an sein Versicherungskärtchen. Dieser Arzt (selbst Vater von 3 Kindern), ist nicht in der Lage, nur ein einziges persönliches Wort an uns zu richten. Er: „Wollen Sie jetzt eine Spritze, oder nicht?“ Ich lasse mir die Spritze geben und der Arzt geht.
Dieser Arzt muss noch sehr viel lernen.

Die beiden Seelsorger versuchen mich zum Hinsetzen zu bewegen, was nicht geht, ich muss mich ständig bewegen; bin zwischen hyperventilieren und den Verstand zu verlieren. Die Seelsorger sind mit dieser Situation total überfordert, ich habe meinen Mann gebeten, sie fortzuschicken. Die Anwesenheit ist mir zu viel.

Meine Bitte an diese Menschen, die bei solchen schlimmen Familientragödien Hilfe geben sollen, holt euch Rat von betroffenen Eltern, das sind die besten Therapeuten, die sind es, die wissen, was in den ersten Stunden hilft und was nicht!

Viele Freunde und Nachbarn sind an diesem ersten Tag und an den darauffolgenden Tagen bei uns. Und haben mit uns geweint und versuchen uns zu trösten. Natürlich kann uns keiner den Schmerz nehmen, aber die Anwesenheit tut gut. Für betroffene Eltern ist es sehr wichtig, dass sie nicht alleine sind. An alle Menschen, die auch in eine solche Situation geraten, habt den Mut und die Kraft und kümmert euch um diese Familie. Kocht Kaffee, macht Essen, und seid einfach nur da.

Mein Bruder, der auch Polizist ist, kommt sofort zu uns, und kümmert sich um viele Dinge, zu denen wir nicht in der Lage sind. Wir wissen nicht, wo unser Sohn ist, nur, dass die Leiche beschlagnahmt ist, um ein Fremdverschulden auszuschließen. Für uns ist das sehr schlimm. Wir wissen, unser Sohn ist tot und keiner kann uns sagen, wo er ist. Das hätten uns die Polizisten sagen können, aber die waren nicht mehr im Dienst. Es ist Samstag und wir müssen bis Montag warten.

Ich erlebe diesen Samstag wie in einem Horrorfilm. Ich sehe ständig auf die Straße und meine, dass Christoph hier entlang spaziert. Ich sehe in seinem Zimmer nach, ob er nicht vielleicht doch in seinem Bett liegt und schläft. Mein Mann versucht bei Christoph´s Freund zu erfahren, was an diesem Tag passiert ist, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Aber es ist nicht viel zu erfahren. Die Freunde stehen auch unter Schock.

Montags hat mein Bruder dann von Kollegen die Nachricht erhalten, dass die“Leiche“ freigegeben ist, und sie in Lampertheim vom Bestatter abzuholen ist.

Ich rufe zuerst bei unserer Pfarrerin an und sie verspricht, gleich zu kommen. Auch sie kann es nicht glauben. Doch auch sie hat nach dem Erstgespräch, nach der Beerdigung und nach dem obligatorischen Gespräch, nachdem 2 Wochen der Beerdigung vorüber waren, keinerlei Versuche unternommen, um wieder in Kontakt mit uns zu kommen. Mir persönlich wäre es sehr hilfreich gewesen.

Daher rate ich jedem Pfarrer, immer wieder den Kontakt zur betroffenen Familie zu suchen, es hilft!!

Danach rufe ich beim Bestattungsunternehmen an. Es ist eine Frau und wir sollen dann in das Institut kommen. Mein Bruder ist in dieser Zeit ständig bei uns, und das ist sehr hilfreich. Nun sollen wir einen Sarg für unseren Sohn aussuchen. Das ist der blanke Horror. Und ich weiß nicht, woher wir diese Kraft nehmen.

An diesem Montag erhält unser totes Kind Post vom Deutschen Roten Kreuz. Es ist eine Privatrechnung, für die erbrachten Leistungen am Unfallort und weil er das Versicherungskärtchen nicht bei sich hatte. Ich bin außer mir!! Nicht wegen der Rechnung, sondern wegen so eines ungeheuerlichen Verhaltens. Denn das war ja klar, dass für unseren Sohn jede Hilfe zu spät kam; dass man dann einem Toten eine Rechnung schickt, das ist zuviel.

An alle Menschen, die mit diesen Dingen zu tun haben, überlegt euch es sehr genau, wie man was formuliert. Ein an die Eltern von Christoph S. hätte bei mir nicht so eine Bestürzung ausgelöst.

So ging es uns mit einigen Ämtern. Wir bekamen von der Stadt Lampertheim eine Rechnung mit den Worten…….. zur Kühlung einer Leiche, die Kosten pro Tag etc. Mein Mann hat dort angerufen und gesagt, dass diese Leiche unser Kind ist und einen Namen hat, worauf die Dame patzig antwortet: „Da hat sich noch niemand beschwert.“
Man kann über einen Toten nicht verfügen, wie über einen Gegenstand. Gerade für Eltern ist es wichtig, dass das Kind nach seinem Tod fürsorglich behandelt wird!!

Am Montagnachmittag dürfen wir in das Beerdigungsinstitut. Wir stehen vor dem verschlossenen Sarg unseres Kindes. Das ist ein Albtraum. Wir bringen Dinge mit, die unserem Sohn sehr wichtig waren.

Ich wundere mich, warum der Sarg zu ist. Erst viel später erfahre ich warum, und ich beneide alle Eltern, die ihr Kind noch einmal sehen dürfen, es streicheln und sich von ihm verabschieden können. Der Gedanke, dass in diesem Sarg gar nicht mein Kind ist, sondern jemand anderes, und das mein Kind noch lebt lässt mich vorerst nicht los.

Der Tag der Beerdigung ist da. Wir wissen nicht, wie wir das überstehen sollen. Christoph´s ganze Klasse ist da, viele Eltern, viele Lehrer und eben Alle, die mit uns verbunden sind. Christophs Lieblingsmusik wird gespielt und alle verabschieden sich von ihm am Grab. Es tut uns gut, als wir sehen, wie beliebt er war. Und es tut gut, in den Arm genommen zu werden. Es ist wichtig für die Familie, die Beerdigung zu organisieren, dem Kind einen würdevollen Rahmen zu gestalten. Wir waren sehr froh darüber, dass es z.B. in Bezug auf die Musik keinerlei Einwände gab.

In den ersten 14 Tagen sind wir rund um die Uhr nicht alleine. Meine damals beste Freundin verspricht so schnell wie möglich aus Norddeutschland für eine Woche zu kommen, und sich um uns zu kümmern. Aus dieser Woche wurden 3 Tage. Übernachtet hat sie bei einer anderen Freundin, mit der Begründung, dass sie nicht gewusst habe, ob für sie Platz da sei.Tatsache war aber, dass sie bei uns nicht übernachten wollte. Diese Freundin, die für mich immer einen Rat hatte, ist dieser Situation gegenüber ratlos und hilflos. Der Tod von Christoph hat unsere 30ig jährige Freundschaft nicht überlebt.

Viele Freundinnen haben sich dann nicht mehr bei uns gemeldet, sie haben uns gemieden. Ich hatte das Gefühl, eine ansteckende Krankheit zu haben. Meinen Rat an Alle: wenn ihr zu unsicher seid, um einen ersten Kontakt aufzunehmen, dann schreibt einen Brief. Wir Eltern sind sehr dankbar für alle Gesten, Besuche und Gespräche. Was man vermeiden sollte, den Eltern als Trost irgentwelche Floskeln zu sagen, wie z.B. „Ihr müsst loslassen.“ Wie soll und kann man etwas loslassen, was man unendlich liebt?? Oder, „Das war sein Weg“, oder „das Leben geht weiter!!“ Das sind Sätze, die sehr weh tun. Das Leben ist erstmal nicht mehr lebenswert und keiner von uns Eltern, will es in dieser Weise weiterleben. Wir werden dazu gezwungen.
Hilfreich ist es, über das tote Kind zu sprechen.

Nach 14 Tagen fange ich wieder an zu arbeiten. Doch auch hier hat sich nun alles geändert. Die Kollegen wissen nicht so recht, mit mir umzugehen. Eine Arbeitskollegin fragt mich, wie es mir geht; doch bevor ich antworten kann, gibt sie sich selbst die Antwort.“ Gut, nicht?“ Sie meint es nicht böse, das weiß ich jetzt, aber in diesem Moment bin ich fassungslos. Wir haben ein gutes Arbeitsklima, jeder ist für jeden da. Doch in meinem Fall kommen meine Arbeitskollegen an ihre Grenzen. Ich habe das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. An eine Situation kann ich mich sehr gut erinnern. Eine Kollegin, die aus ihrem Urlaub zurückkommt, umarmt alle Mitarbeiter, mir gibt sie die Hand.

Ich komme mir wie ein Außenseiter vor. Dabei möchte ich einfach nur „normal“ behandelt werden. Ich stehe vor einer Entscheidung, diese Klinik zu verlassen und mich irgendwo zu bewerben, wo man mich und mein Schicksal nicht kennt. Doch ich entscheide mich, an meine Chefin einen Brief zu schreiben. Sie ist sehr erleichtert darüber und sucht nun auch das Gespräch mit mir. Sie sagt, die Mitarbeiter wüssten nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Mittlerweile bin ich froh, diese Station nicht verlassen zu haben. Ich fühle mich nun wieder dazu gehörend.

Für unseren jüngeren Sohn hat sich auf einen Schlag alles geändert. Er hat nicht mehr diese Eltern, wie vor Christoph´s Tod. Er reagiert gereizt, wenn ich am weinen bin. Er wirft mir vor, dass ich es lieber sähe, wenn er, anstelle von Christoph tot sei. Er schottet jegliches Gefühl ab. Ich habe das Gefühl, er trauert nicht um seinen Bruder. Ich kenne meinen Sohn nicht mehr und er kennt mich nicht mehr. Es gibt viele Auseinandersetzungen, viel Unverständnis auf beiden Seiten. Er versucht so wenig wie möglich Zuhause zu sein. Er, der immer sehr temperamentvoll, spontan und lustig ist, hält es in unserem traurigem Heim nicht mehr aus. Es dauert sehr lange, bis wieder ein Aufeinanderzugehen möglich ist. Und ab und zu sucht er ein Gespräch mit mir über Christoph.

An betroffene Eltern; auch wenn es sehr schwer ist, habt Geduld mit euren anderen Kindern, sie trauern anders als Erwachsene. Die Kinder suchen oft nicht das Gespräch mit den Eltern, einfach um sie nicht noch mehr zu belasten.

In der ersten Zeit, als ich zum Einkaufen gehe, ist das für mich sehr anstrengend. Einige Menschen, die mich erblicken, biegen sofort in den nächsten Gang ab, oder tun so, als wenn sie mich nicht sehen; andere nehmen mich einfach in den Arm. Ich bin für diese Stärke sehr dankbar.

Gleich in der ersten Woche, nach Christoph´s Tod nehme ich mit einer Trauerbegleiterin Kontakt auf. Mein Mann und ich sind zu mehreren gemeinsamen Gesprächen bei ihr, danach sind wir in der Trauergruppe, die von ihr geleitet wird. Das ist für uns ein Rettungsanker. Wir lernen betroffene Eltern kennen und erfahren, dass wir mit unserem Schicksal nicht alleine sind. Es entwickeln sich Freundschaften. Ich bin heute noch bei meiner Trauerbegleiterin zu Einzelgesprächen, durch sie habe ich den Tod meines Kindes überleben können.

Durch ihre eigene Erfahrung mit dem Tod ihres Kindes und durch die vielen Eltern, die sie schon begleitet hat, war sie für mich die richtige Therapeutin. Im Gegensatz zu den Psychotherapeuten, deren Wissen in Trauerbegleitung nur „angelernt“ ist, sind die Trauerbegleiterinnen meistens selbst Betroffene und zudem auch ausgebildet. Leider werden diese Stunden von der Krankenkasse nicht bezahlt. Bezahlt werden die Psychotherapeuten, die studiert haben.

Ich lehne diese Art von Psychotherapie ab. Daher bitte ich bei meiner Krankenkasse um eine Kostenübernahme bei meiner Trauerbegleiterin, oder eine Kostenbeteiligung. Dieses wird konsequent abgelehnt. Psychotherapie ja, auch wenn sie Jahre dauert. Trauerbegleitung nein, obwohl „nur“ 2 mal im Monat.

Nachdem ich diesem Herrn von der Krankenkasse erkläre, wobei ich auch sehr emotional bin, dass für mich nichts anderes in Frage kommt, und ich von ihm auch keine Kostenübernahme für eine Schönheitsoperation verlange, meint er, ich solle mal sachlich bleiben!!! Ich habe diesem Herrn gesagt, dass ich keinem Menschen etwas Böses wünsche, aber ihm persönlich mal eine Stunde diesen Schmerz auszuhalten, den ich seit dem 26. Juli ertragen muss.

Damit ist für mich dieses Gespräch beendet. Aber am nächsten Tag ruft ein anderer Herr von der Krankenkasse an, der einlenken möchte und meint, er könne mich ja mal bei dem Medizinischen Dienst vorstellen!! Ich bin geschockt. Mein Mann hat dann bei der Krankenkasse noch mal angerufen, um zu fragen, wie der Medizinische Dienst beurteilen möchte, wie tief die Trauer bei einer Mutter sein muss, damit man eine Kostenbeteiligung durch die Krankenkasse bekommt. Eine Trauerskala von 1 bis 10?? Ich erwarte von den Sachbearbeitern, dass sie nicht nur sachlich, sondern auch menschlich sind, UND, dass sie sich doch über die wichtige und wertvolle Arbeit, von Trauerbegleiter-innen und über die Selbsthilfegruppen informieren.

Ich habe in der ersten Zeit die Schuld bei mir gesucht, weil sich einige Freunde sich nicht mehr melden. Ich konnte mir das nicht erklären. Und………. Es tut sehr weh. Auch die wohl gut gemeinte „wenn was ist, dann melde dich“; ist nicht wirklich hilfreich. Ich bin nicht in der Lage anzurufen, wenn der Schmerz mich vernichten will. Ich bin wie gelähmt. Meine Frage an eine gute Freundin: „Bin ich wirklich so unerträglich und eine Zumutung für Andere?“, kann sie konsequent mit einem Nein beantworten. Sie sagt, dass ich ihr den Umgang mit mir sehr leicht mache.

Meine Eltern werden von mir gepflegt und versorgt; schon seit Jahren. Auch sie sind sehr betroffen, vom Tod ihres ersten Enkels. Mein Vater ist sehr ungeduldig, weil ihm meine Trauerzeit zu lange dauert. Nach einem Viertel Jahr, nach Christoph´s Tod meint er, es müsse nun mal gut sein, ich soll nach vorne schauen. Ich gebe ihm zur Antwort, dass nicht mein Wellensittich gestorben ist, sondern mein Sohn.

Am Christoph´s erstem Todestag vermag meine Mutter mich nicht zu trösten, sie nimmt mich nicht in den Arm, sie erwähnt noch nicht mal seinen Namen. Als ich ihr das zum Vorwurf mache, meinte sie, sie möchte bei mir keine Wunden aufbrechen!!

Für uns betroffenen Eltern ist es hart, wenn man das verstorbene Kind nicht erwähnt, es nicht bei seinem Namen nennt, weil man Angst hat, Wunden würden aufbrechen. Es bricht nichts auf………..es ist aufgebrochen.

Tröstlich ist es, wenn man den Eltern an Gedenktagen einen Besuch abstattet, oder ein Blümchen auf das Grab legt.

Wie schon erwähnt, waren wir in den ersten 14 Tagen nie alleine. Danach mussten Alle wieder in ihr eigenes Leben zurückkehren. Das habe ich verstanden……….. aber plötzlich diese Leere……………… ist sehr schwer zu ertragen.

Aber trotzdem gibt es auch viele Freunde, die sich immer wieder melden, oder vorbei kommen.

Vor 3 Woche hatten wir unsere Silberhochzeit. Und hier trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Alle, die an unserem Fest teilnahmen, ob persönlich oder in Gedanken, möchte ich ganz herzlich danken. Sie haben uns in den letzten 2 Jahren beigestanden und waren für uns da. Und dafür sind wir unendlich dankbar.

Ich wünsche allen Eltern viel Kraft

Christina Stern

 

Autor

Name: Annette Meissner

18 Gedanken zu “Ein Brief an Alle

  • Linda Gisevius

    Es ist nach Mitternacht, ich kann nicht schlafen.
    Deswegen schreibe ich hier diese Zeilen.
    Vor genau einer Woche hat mein Sohn im Alter von 18 Jahren sich das Leben genommen.
    Ich bin an diesem Abend einkaufen gegangen, wir haben noch ein paar Worte gewechselt, bevor ich los bin, die Uhr zeigte 19.14 Uhr. Ich habe mein Handy nicht mitgenommen. Als ich nach Hause kam 20.03 Uhr habe ich gesehen, er hat gefragt über Whats App um 19.46 Uhr: wie lange ich noch einkaufen bin.
    Gerade vor 8 Tagen hat er eine kleine Einliegerwohnung in unserem Haus bezogen, also merkte ich auch erstmal nicht, dass er nicht mehr da ist, ich antworte per Whats App : Wieso? Sammel dann den Müll ein, gehe auch zu ihm runter, um den Müll mitzunehmen, denn am anderen Tag wird die Tonne geleert.
    Er antwortet nicht auf mein Klopfen, ich gehe hinein, er ist nicht da. Ungewöhnlich, denn er spielt viel am PC und geht selten aus dem Haus.
    Es beschleicht mich ein ungutes Gefühl, da sehe ich den Block auf seinem Tisch.
    Auf dem Block steht : Ich habe ein Video für dich auf meinem Handy.
    Ich bekomme Angst, öffne das Video, höre die ersten Worte und werde panisch.
    Ich schaue es nicht weiter an, sondern rufe seinen Vater an, hysterisch schreie ich ins Telefon, er soll die Polizei rufen.
    Dann renne ich nach oben will den Schlüssel holen , um loszufahren und ihn zu suchen.
    Als ich vor die Haustür trete, höre ich das Warnsignal eines Zuges laut und ewig lang und mir wird klar in diesem Moment stirbt mein Kind.
    Ich rase mit dem Auto zum Bahnhof, der Zug hat mehrere 100 Meter vorher gestoppt.
    Er hat es getan, ich hatte immer Angst, er würde es machen, habe Hilfe für ihn gesucht, doch niemand konnte ihm wirklich helfen.
    Aber er hat immer zu mir gesagt: Mutti, solange du lebst mache ich sowas nicht.
    Ich kann es einfach nicht fassen.
    Heute habe ich mich von ihm verabschiedet am geschlossenen Sarg.
    Ich habe in diesen paar Tagen, das Eine oder Andere erlebt, von dem die anderen Betroffenen hier berichtet haben.
    Und ich spüre auch, viele Menschen können damit nicht umgehen.
    Mein Sohn war depressiv, auch ich leide seit jungen Jahren unter Depressionen und habe selbst einen Suizidversuch im Alter von 20 Jahren hinter mir.
    Ich habe mir sofort Hilfe gesucht, denn ich habe noch eine erwachsene Tochter, die jetzt Angst hat, ich könnte mir auch etwas antun.
    Ich wohne in der Nähe von Lampertheim und würde Frau Stern gerne fragen, ob sie mir Kontakte in der Nähe vermitteln für Trauerbegleitung oä.
    Herzlichst Linda

    Antworten
  • Manuela Hoeltzel

    Liebe Trauernde,

    ich habe meinen wundervollen Sohn verloren und bin immer noch fassungslos ihn nie wieder umarmen zu können.
    Am 28.02. 2016 ging er, nach dem er lange gekämpft hat, einen Weg zu finden, so zu sein, wie die andren ihn wollten.
    Ricardo war ein feinfühliger, sozialer, lustiger, schlauer, liebenswerter und reifer junger Mann, dass er Probleme haben könnte sah man ihm nicht an. Mein Sohn und ich waren uns sehr nah, ich konnte ihn fühlen, aber nicht helfen. Ich habe so viel versucht, seine Todessehnsucht überall angesprochen, aber die Hilfe war sehr begrenzt.
    Ich war nie wütend auf Rici, er wollte nicht sterben, er konnte nur so nicht leben. Aber er fehlt mir unendlich.
    Da ich auch aus Dresden bin, wollte ich Sylke Kümmig mitteilen, dass mir und auch meinem Mann die Selbsthilfegruppe in Dresden hilft. Bei Bedarf kann ich ihr auch gerne die Kontaktdaten der Gruppenleiterin durch geben,

    herzlich
    Manuela H.

    Antworten
    • Liebe Manuela, deine Zeilen haben mich angesprochen, könnten sie auch von mir sein…’wir waren uns sehr nah ich könnte ihn fühlen aber nicht helfen‘ Mir ging es genauso, ich weiß was Du meinst. Man fühlt sich so schrecklich hilflos, ohnmächtig, fühlt und sieht, dass es seinem Kind nicht gut geht, will helfen!und kann nicht. Philipp, er war wie du deinen Sohn beschrieben hast, wollte es alleine schaffen, ließ Hilfe nur im geringen Maße zu.
      Ich habe auch meinen Sohn, der am 28.2.2016, 23 Jahre geworden wäre, verloren. Er ging am 5.11.2015. Einen Tag nach meinem Geburtstag. Die Welt hörte auf sich zu drehen….
      Auch er hat gekämpft, 6 Jahre ein stetes auf und ab und als ich glaubte jetzt wird alles gut, jetzt hat er sein Leben im Griff, beendete er es. Unfassbar. Mit der Zeit kommt die Akzeptanz, nur an manchen Tagen will man es einfach nicht war haben und ich bin am Grübeln. Ich sag mir dann, ‚lass das, es ändert nichts, bringt ihn nicht zurück es geht dir nur schlecht dabei’!es hilft, nicht abzustürzen. Vor uns liegt noch ein langer, schmerzhafter Weg aber mit der Zeit wird es leichter, dieses Schicksal zu tragen und anzunehmen.
      Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft!
      Liebe Grüße
      Ellen Haufe

      Antworten
      • Liebe Ellen, ich musste am 05.11. an dich denken, hast du diesen Tag gut überstanden und hast du Menschen die dich halten? Ich wünsche dir auch viel Kraft.
        Es ist ein ständiger Wechsel der Gedanken, um einen Weg zu finden, diesen Verlust zu tragen, alles Liebe,
        Manuela Hoeltzel

        Antworten
    • Mich hat sehr berührt, wie Du es geschrieben hast….er wollte nicht sterben, er konnte nur so nicht leben. Meine Tochter hat sich vor drei Monaten das Leben genommen. Sie hatte eine Borderlinestörung, und ich kann Dir sehr gut nachfühlen, wenn Du sagt, man hat wenig Unterstützung bzw. Hilfe bekommen.Das Einzige, was einer Mutter bleibt, ist dieser unendliche Schmerz und die Trauer über den Verlust des Kindes. LG Elke Kohlik

      Antworten
  • Brigitte Frühschütz

    Liebe Frau Christina Stern,
    mein Sohn Robert hat am 04.02.2011 Suizid begangen. Robert ist mit seinem neuen Auto gegen einen Baum gefahren.
    Leider habe ich viele Ihrer Erfahrungen auch machen müssen. Da fragt man sich schon, wie herzlos manche Behörden sind, aber in unserem Land sind Gefühle nicht „in“ .
    Der Umgang meiner Freunde, Kollegen usw. hat sich auch als sehr schwierig gestaltet.
    Manche haben echt so getan, als ob ich meinen Hamster beerdigt hätte.
    Am schlimmsten für mich war der Satz „das Leben geht weiter“…..da kann ich heute noch ausflippen, besser man sagt gar nicht´s, eine Umarmung würde mehr als tausend Worte sagen.
    Ihre Erfahrungen mit Therapeuten habe ich auch gemacht, zu einem sagte ich mal „Sie haben das nur gelesen, aber ich habe es erlebt“.
    2006 ist mein Lebensgefährte tödlich verunglückt, 3 Monate später hatte mein jüngster Sohn einen schweren Unfall, den er glücklicherweise überlebt hat.
    2007 ist Robert an Krebs erkrankt, auch das haben wir geschafft.
    Im selben Jahr ist mein Vater schwer erkrankt und einige Monate später in meinen Armen gestorben.
    Durch diese Dinge, ist meine Tochter, mittlerweile 26 zur Alkoholikerin geworden. Mittlerweile hat man ihr das Kind genommen, die Kleine lebt jetzt bei mir.

    Liebe Frau Stern, ich weiß nicht, was für einen Rat ich Ihnen geben kann, aber tun Sie bitte nur das was IHNEN gut tut!
    Ein Therapeut hat einmal zu mir gesagt, ich müßte lernen, die anderen zu verstehen…….daraufhin habe ich die Praxis verlassen und würde nie wieder zu einem Therapeuten oder Psychologen gehen.
    Für mich war das einzig richtige, das ich mir alleine geholfen habe und immer wenn ich geglaubt habe, das ich das nicht mehr schaffe, habe ich an meine beiden anderen Kinder und meine Enkelin gedacht, wie würde deren Leben aussehen, wenn ich jetzt aufgebe.
    Ich habe mir auch eine gewisse Gleichgültigkeit und einen leichten Zynismus zugelegt.
    Wenn andere jammern, weil Ihnen die Milch übergekocht ist, sage ich dann schon auch mal, das ich gerne deren Probleme hätte, sorgt immer wieder für verdutzte Gesichter und regt zum Nachdenken an.
    Letztendlich muss man mit diesem Verlust größtenteils alleine fertig werden.

    Ich wünsche Ihnen, Ihrem Mann und Ihrem Sohn alles erdenklich Gute.

    Ihre Brigitte Frühschütz

    Antworten
    • Liebe frau Frühschütz.
      ich habe ihren post hier gelesen,und ob sie es glauben oder nicht,ihr eigenes Leiden,und die Tatsache,dass sie jeden verdammten Tag damit umgehem MÜSSEN, weiterleben müssen, gibt mir die Kraft,weiterzumachen,nicht aufzugeben..sie sind eine sehr starke Frau..aber sie müssen mit ihrem Schmerz über den Tod ihrer geliebten und die sucht ihrer tochter nicht alleine fertig werden..suchen sie im web nach ebenfals betroffenen,nur die können sie nämlich verstehen-ärzte,therapeuten,die behandeln jeden Menschen nach einem muster,einem schema,dass sie im studium gelernt haben..

      ich selbst habe sehr viel erlebt,das meiste unvorstellbar,schon im kindesalter geprägt von misshandlungen,wechselnden wohnorten,keinem „zuhausegefühl“ ,im teenageralter habe ich na klar rebelliert..mit 20 wurde ich heroinabhängig,und habe mir oft gewünscht eines morgens einfach nciht mehr aufzuwachen..heute bin ich erfolgrich substituiert,heisst,ich lebe mit einem medikament ohne beigebrauch von drogen,mit meinem mann und meinem kleinen sohn,der knapp 11 monate alt ist…ich kann in ihrem schreiben ihren schmerz fühlen.ich bin schon immer ein sehr mitfühlender mensch,kann mich gut in die lage der menschen versetzen…ich bin 26,habe drei kinder wovon nur eines bei mir lebt..ich hab in meinem leben viel durch,zuviel..ich beneide sie um ihre stärke..den mut,nicht aufzugeben..ich kämpfe,tagtäglich kämpfe ich,um nicht in ein loch zu fallen..es gelingt mir nicht oft…mein haushalt leidet,mein körper auch..ich schaffe es nicht,mich für schöne dinge zu motivieren..ich lebe einfach,.aber es macht nur spass wenn ich in die leuchtenden augen meines 10 mn alten sohnen schaue,und dann bin ich auch mal stiolz auf mich,was ich bis dahin,am heutiugen tag,geschafft hab..das leben geht weiter,das sagt man so..aber wie es weiter geht,wie man sich fühlt,wie man sich oft quält mit der frage,hört dieser schmerz irgendwann auf..nein..es wird nicht besser..es wird erträglicher..das sit alles..ich drücke sie,und ich wünsche ihnen kraft…sie sind eine starke frau,hören sie nie auf zu kämnpfen.

      Antworten
      • Brigitte Frühschütz

        Liebe Ramona, danke für Ihre Zeilen. Ich glaube Sie sind auf dem richtigen Weg. Denken Sie immer an Ihr Kind!! Sicherlich möchten Sie nur das Beste für ihn, also machen Sie weiter so!!

        Viele liebe Grüße
        Brigitte Frühschütz

        Antworten
  • Liebe Mütter und Eltern,

    mein herzliches Beileid.
    Ich wünsche euch viel Kraft.
    Ich kann sehr gut euren schmerz nachempfinden.
    Ich selber habe zwar noch keinen durch Suizid verloren, aber ich weiß trotzdem wie schlimm es ist.
    Denn ich habe ja meine Familie gesehen wie diese am Boden zerstört war als Sie erfuhren das ich mich umbringen wollte mit meinen 22 Jahren.
    Ich weiß selber nicht sorecht ob ich darüber froh bin noch am Leben zu sein oder nicht.
    Eines was ich sicher weiß ist, welchen Schmerzen ich meinen Eltern und meinem Bruder zufügen würde.
    Bevor Fragen aufkommen: Ich war schon in der Klinik, habe mich selber eingewiesen. Und ich bin in Ambulanter Behandlung und nehme Tabletten.
    Doch wirklich helfen tut das alles nicht.
    Natürlich kann man sagen, rede doch mit deiner Familie darüber denn Sie verstehen dich. Aber Sie haben selber genug Probleme da Sie selbstständig sind.
    Dann könnte man noch sagen, rede mit deinen sehr guten Freunden darüber. Tja, dass hab ich leider schon und dies war der größte Fehler meines Lebens. Einer von Ihnen sagte sogar zu mir es wäre besser gewesen wenn ich mich umgebracht hätte. Tja, das hat man davon wenn man für solche „Freunde“ sich den Arsch aufgerissen hat und immer für Sie da war.
    Ich habe natürlich den Kontakt zu Ihnen sofort abgebrochen, aber ist halt nicht so leicht da man sie zwangläufig doch ab und zu sieht weil sie aus dem gleichen Dorf kommen.
    Und jetzt kann man noch sagen, rede mit deinem Psychiater/Psychologen darüber. Das hab ich auch schon gemacht, aber was ich als Antwort bekomme ist das ich viele Dinge einfach anders sehen soll / positiv sehen soll.

    Es gibt da noch einen schönen Satz: Lebe um zu Arbeiten und Arbeite um zu Leben

    Ich bin froh das ich meine Familie habe die mir tag täglich den Rücken stärkt und mir zur Seite steht.

    Ach ja, und dies hier sollte jetzt nicht irgenwie ein Abschiedsbrief sein. Ich musste das jetzt einfach mal von meiner Seele schreiben.

    Danke und ich fühle zutiefst mit euch.

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Lieber Josef,
      ganz lieben Dank für Ihre Ehrlichkeit und Mitgefühl. Wie Sie hier lesen können, sind alle Hinterbliebene sehr verzweifelt. Auch ich war es eine ganz lange Zeit.
      Aus tiefstem Herzen wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihren Weg finden und schicke viele Grüße aus Essen,
      Annette Meißner

      Antworten
  • Liebe zurrückgelassene Mütter und Angehörige,

    dass ich einmal einen Kommentar in diesem Blog aus der eigenen traurigen Erfahrung machen würde, habe ich mir nicht im Traum vorgestellt. Und doch ist das Unfassbare passiert. Mein zweitgeborener Sohn Anton (16) hat sich am 06.02.2016 vor meinen Augen das noch junge Leben auf brutale Weise genommen. Er hat sich aus dem Fenster seines Zimmers gestürzt und ist 2 h später an seinen schweren Kopfverletzungen gestorben. So wollte er es, wie er kurz vorher in einem sehr langen Abschiedsbrief per „whatsapp“ an alle, die er erreichen konnte abschickte und unmittelbar danach konsequent in die Tat umsetzte. Ich kann es bis heute nicht glauben und fassen, dass ausgerechnet ich, seine Mutter, die ihn bedingungslos liebte, die mit ihm für sein Alter sehr reife, intensive und schöne Gespräche hatte, die sich immer wie eine Löwenmutter vor ihn stellte, wenn etwas in den Augen anderer nicht so lief, wie sie sich es vorstellten, die mit ihm Mutter-Sohn-Abende im Kino oder vor dem Fernseher ,manchmal kuschelnd, verbrachte, wenn das jüngere Geschwisterkind bei seinem Papa war, die ihm seine Lieblingsspeisen (Döner, Mettbrötchen, Pizza..) aus der Stadt mitbrachte, weil er es liebte, auch wenn ich es selbst nicht mochte und lieber für die Familie kochte…dass ausgerechnet ich die Letze war, die mit ihm redete, die versuchte ihn, davon abzuhalten – ihn nicht aufhalten konnte, weil sein Entschluss so fest und so durchdacht war, dass keine Macht der Welt ihn hätte aufhalten können, diesen Selbstmord zu vollziehen. Unsere Familie, die Geschwister (20, 6), die Tanten und Onkel, die Omas und Opas, der Stiefpapa..wir alle haben eine riesige Wunde in unserem Herzen und fragen uns, wie lange es wohl dauert oder ob man überhaupt damit leben kann. Wir haben ihn so sehr geliebt und doch konnte niemand seinen inneren Kampf erkennen. Denn sein Verhalten war in keinster Weise so, dass man auch nur ansatzweise Ahnen konnte,wie sehr ihn sein Leben quälte. Er war ein Sonnenschein, ein Strahlemann, beliebt bei seinen zahlreichen Freunden und den Lehrern, u.a. für sein soziales Engagement für die Schwachen in dieser Gesellschaft, für seine schlichtende Art bei Konflikten anderer für seine gute Laune und die Einstellung, immer sich selbst treu zu bleiben. Seine besten Freunde, die er aus Kindergaten- und Grundschulzeiten kannte, mit denen er viel erlebte und Zeit verbrachte, haben wie wir keine Ahnung, warum gerade er. Er tat es in den Ferien, an einem sonnigen Samstag Nachmittag an einer belebten Straße und es hätte durchaus sein können, dass es „schief gehen“ könnte (2.Etage), er schwerverletzt mit starker Behinderung diesen Angriff gegen sich selbt überlebt haben könnte. Aber so war es nicht. Und irgendwo bin ich froh, so schlimm das auch klingt, dass seine Rechnung aufging. Irgendwie empfinde ich es als ein Wunder, dass der Tod ihn von seinen Qualen erlöst hat. Uns blieb das bange Warten auf der Intensivstation, mit all den Schläuchen, Verbänden, Maschinen und das Piepen der Überwachungsmonitore, das Zittern um ein mögliches Überleben, das fehldeuten von Reflexen, das Eintauchen in den Klinikalltag mit den unter Zeitdruck und Unterbesetzung arbeitendem Klinikpersonal und vieles mehr erspart. Und doch, quälen mich die letzten Minuten seines Lebens, unsere Unterredung, die schrecklichen Bilder in meinem Kopf. Sie sind immernoch present, besonders, wenn ich einschlafen will, als wäre es gerade erst passiert. Mein ohnmächtiger Anruf bei der Rettung, meine hysterischen Schreie aus dem Fenster, die ängtlich-fassungslosen Blicke meiner kleinen Tochter und meines Lebensgefährten, der ihn am liebsten aufgehoben und in sein Zimmer getragen hätte, das berherzte Eingreifen von Passanten unter denen zufällig auch junge Ärzte waren, das bange Warten auf die Einsatzkräfte, die furchtbaren Fragen der Kripobeamten, die ein Fremdverschulden ausschliesen mussten und die Spurensicherung vornamen, das erste Gespräch mit einem gut geschulten Seelsorger und nicht zuletzt die „Nachricht von seinem Tod“ durch zwei unsagbar unsensible Kripobeamte mit dem klassischen Satz der Fernseh-Tatortkommissare „Setzen Sie sich bitte… Ihr Sohn ist 18.48 Uhr im Krankenhaus verstorben. Können wir bitte seinen Ausweis zur Identifizierung haben!“ Die Frage schwirrte in meinem Kopf, was für ein Ausweis, den hat er immer bei sich, wo soll ich den hier suchen? Wie absurd das ganze mir erschien. Für mich völlig unverständlich, warum das in diesem schweren Moment wichtig war und mir zugemutet wurde. Ich wühlte mit meiner Schwester, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand, in den Klamotten, dem Rucksack meines Kindes…sein Portmonaie war nicht zu finden. Wie auch, er hatte es immer bei sich. Und so war es auch, wie sich später herausstellte. Ein unfassbar trauriger Tag, von dem nichts als das Gefühl der „LEERE“ und eine erste schlaflose Nacht übrigblieb – ein rabenschwarzer Tag, der unser aller Leben verdunkelte. Ich hatte keine Tränen, konnte erst viel später weinen. Ich funktionierte wie ein Roboter, wochenlang. Es gab soviel zu organisieren…Betroffene kennen das. Es scheint kein Ende nehmen zu wollen und doch bin ich voller Hoffnung auf die Zukunft. Ich akzeptiere die Entscheidung meines Kindes, darüber hinweg werde ich niemals kommen. Er war mein „Knuddelbaby“, mein fröhlicher Teenie mit dem langen wallenden Haar, der für andere ein so großes Herz hatte aber sich selbst nicht mehr lieben konnte, er war geliebter Bruder, Neffe und Enkel und er ist mein Sohn. Ich werde immer 3 Kinder haben!!! Mit Hilfe einer lieben Freundin (Trauer- und Festrednerin/Seelsorgerin), die alles mit viel Geschick und Liebe zusammen mit uns organisierte von der Aufbahrung für die Abschiednahme (war besonders wichtig für mich und die Geschwister und die besten Freunde), über die Kontakte zur Künstlerin, die eine Schmuckurne mit selbst gezeichneten Bildern meines Sohnes gestaltete, über die musikalische Begleitung einer Freundin bei der Trauerfeier und Beisetzung, über den netten Kontakt zu einer besonderen Blumenschmuckkünstlerin, über den Kontakt zu einer Pfarrerin einer kleinen evangelischen Kirche für die Trauerfeier (ca.180 Gäste),über den Kontakt zum sorgfältig ausgewählten Bestatter, der sehr empathisch war, über die Beisetzung in einer von uns gewählten Urnengrabstelle mit ungefähr 250 Trauergästen bis hin zur anschließenden Nachfeier in einem Gemeindehaus, die einen eher fröhlichen Charakter hatte…und mit Hilfe vieler Freunde, Eltern, Bekannte und Verwandte konnten wir diese Durststrecke bis hin zum Begräbnis gehen. An diesem Abend entkrmpfte sich erstmals meine Gesichtsmuskulatur und ich schlief mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht ein. Das soziale Netz spannte sich engmaschig unter unserer Familie auf. Ich funktionierte, bekam Bewunderung und auf die Frage, wie ich das alles schaffe und warum ich mich nicht in meiner Trauer vergrabe konnte ich immer nur mit „Ich weiß es nicht, ich kann es eben, vielleicht weil ich meinen Anton so sehr liebe und weil ich meine anderen 2 Kinder liebe und für sie da sein möchte.“ antworten. Ich hatte keine Zeit zum trauern, Termine über Termine. Ich dachte, ich hätte den Himalaya bestiegen…Und heute, wie ist es heute? Jetzt 2 Wochen nach der Beisetzung spühre ich mit aller Wucht diese Trauer, den Verlust, verbunden mit körperlichen Schmerzen, großer Erschöpfung und plötzlichen Heulattacken, extremen Stimmungsschwankungen und dem Wunsch, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Ich habe heute den Kontakt zu einer AGUS-Gruppe in Leipzig hergestellt. Ich sehne mich nach dem Verstandenwerden. Wir sind zwar in psychotherapeutischer Behandlung (Tochter und ich), werden ärtzlich betreut, wissen Freunde in ständiger Bereitschaft zum Spazierengehen, Reden, Schweigen, gemeinsamen Weinen und Unternehmen kleiner Ausflüge um uns aber das alles ist viel und genügt mir nicht. Ich bekam wunderbare Bücher geschenkt aber ich habe keine Zeit zum lesen, ich besitze sehr viel Material zum Zeichen/Malen aber ich habe keine Kraft, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Ich wühle in alten Fotos und ich bin in dem Moment nicht traurig, sondern eher froh. Denn sie erzählen von einer wunderbaren Kindheit, von sich liebenden Geschwistern, von albernen Momenten, von Lebendigkeit und Frohsinn. Und ich bin Anton dankbar für sechzehn wunderbare Jahre mit ihm. Er hat uns allen soviel gegeben und er hat uns allen soviel genommen. Letzteres sind unsere Wünsche, unsere Vorstellungen für sein Leben. Er hat es anders gesehen, er hat den Weg verlassen und lässt uns zurück.. Unser Leben ist nun ein anderes, wir werden umziehen, den Ort des Grauens zurücklassen, den Kiez verlassen und unser kleines Glück an einer anderen Stelle suchen und zulassen. Wir haben alle das Recht, auch mit diesem schweren Schicksalsschlag wieder glücklich zu werden, Vertrauen zu haben in die noch Lebenden, lachen und wieder seelig träumen zu können. Natürlich bleibt die Verlustangst! Liebe Annette Meissner, ich werde Ihr Buch lesen und ich bin überzeugt, dass es mich fesselt ähnlich wie die Autorin Ihrer ersten Rezension. Und ich werde berichten, was es mit mir macht… In hochachtungsvoller Anerkennung Ihrer Arbeit für die Hinterblieben verbleibe ich mit herzlichen Grüßen und wünsche uns allen Kraft für den Weg ins Ungewisse..Ihre Anke R.

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Anke,
      ich danke Ihnen für Ihre Offenheit hier auf meinem Blog.
      Viel Menschen, sowie auch ich, können sehr gut nachempfinden, wie Sie fühlen und was in Ihnen vorgeht.
      Unsere Mitmenschen, die solch ein schreckliches Erlebnis nicht hatten, können uns schwer verstehen. Daher finde ich es besonders mutig von Ihnen, so kurz nach dem Tod Ihres geliebten Sohnes hier offen über Ihre Gefühle zu schreiben.
      Danke dafür.
      Was ich Ihnen unbedingt sagen möchte ist: Bitte nehmen Sie sich die Zeit, um zu trauern. Das ist ganz, ganz wichtig, denn ich habe selber festgestellt, wenn wir etwas vor und herschieben, wird es immer schwerer werden.
      Wir brauchen die Trauer, um besser mit der Situation umgehen zu können. Wir brauchen die Trauer, um sie zu verarbeiten und um ihr Platz in unserem Leben zu geben.
      Ich hoffe, mein Buch wird Ihnen ein Stück weit helfen eines Tages wieder zurück ins Leben zu kommen.
      Ich nehme Sie mal ganz lieb in den Arm und schicke Ihnen ein großes Kraftpaket rüber.
      Viele Grüße aus Essen schickt Ihnen
      Annette Meißner

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  • Verena Hansen

    Ich habe am 11.3.16 meine Tochter nach einem Suizid in ihrem Zimmer gefunden . Sie ist noch nicht freigegeben und ich bin am Boden zerstört . Dieser Schmerz ist unerträglich und ich möchte sie unbedingt noch einmal sehen . Ich werde sie immer bei mir haben im Herzen und hoffe , das es irgendwann leichter wird . Der schwerste Gang kommt ja noch erst , wenn alles geregelt werden muss und der Tag der Beerdigung kommt . Ich habe Angst vor alle dem und hoffe , das ich das alles ertragen kann . Ich hoffe , das ich irgendwann leichter damit leben kann .

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Frau Hansen,
      das ist absolut schrecklich, was Ihnen widerfahren ist. Haben Sie Menschen, mit denen Sie darüber reden können?
      Ich empfehle immer gerne das AGUS-Forum, denn da sind Sie mit all Ihren Gedanken und Sorgen nicht alleine.
      Einen besonders lieben und tröstenden Gruß sendet Ihnen
      Annette Meißner

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  • Liebe Frau Meissner,weinend sitze ich vor dem Bildschirm … unser jüngster Sohn Franz hat sich im letzten August, nach einem wunderschönen Urlaub in Schweden, ebenfalls entschlossen, auszusteigen aus dieser Welt … auch wir hatten nicht die leiseste Ahnung, dass er sich mit solchen Gedanken schon länger beschäftigt(so hat er es in seinem Abschiedsbrief geschrieben). Auch wir haben noch zwei ältere Kinder, die nicht meht bei uns wohnene ,aber bei uns sind … wir gehen beide arbeiten, das hilft und doch sitzt „es“ immer irgendwo in der Ecke unseres Hauses, im Bus, im Garten , auf dem Friedhof sowieso … dieser von Christina beschriebene unbeschreibliche und nicht zu lokalisierende Schmerz … ich habe viele meiner Gedanken in einem Kalender aufgeschrieben, welchen ich eigentlich für Franz zum Beginn von Klasse 11 gekauft hatte, minutiös kann ich die ersten Tage wiedergeben, auch wenn man alles wie in Trance erlebt und es ist unglaublich, was ein Mensch ertragen kann … wir waren auch jeder bei Therapeuten, welche uns beiden auf den Weg gaben, dass wir keine Chance hatten(und man sucht trotzdem) und dass wir beide nicht krank seien,Trauer ist wahrscheinlich keine Krankheit.
    Dieser Brief, den ich eben gelesen habe, hat mir wieder gezeigt, dass man nicht allein ist, ich würde mich gern mit anderen darüber austauschen, vlt. haben Sie ja einen Rat (wir wohnen in Dresden),
    Herzlichst, Sylke

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Sylke,
      erst einmal nehme ich Sie lieb in den Arm und möchte Ihnen sagen, wie schrecklich das ist.
      Ich bin eine ganz lange Zeit im AGUF-Forum gewesen und habe mich auch in einer Trauergruppe sehr wohl gefühlt.
      Hier gebe ich Ihnen gerne den Link zum AGUS-Forum. Dieses Forum ist für alle Hinterbliebenen da denn dort sind Menschen, die das selbe Schicksal tragen, wie Sie und auch ich.
      Es ist meines Erachtens sehr wichtig, mit anderen Hinterbliebenen zu schreiben und sich auszutauschen.
      Einen ganz lieben und tröstenden Gruß sende ich Ihnen aus Essen,
      Ihre Annette Meißner

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  • Liebe Annette,
    ich habe vor drei Wochen meine Tochter verloren durch Suizid nach 15 Jahren der Depression, d.h. nach 15 Jahren Hoffen, Bangen, Zittern bei jeder Änderung der Gemütslage.
    ich habe in diesen vielen Jahren sukzessive Abschied genommen, so hart das klingen mag, aber ich mag die Schmerzen nicht schildern, die damit verbunden waren. Sie waren unsäglich, manchmal kaum zu ertragen, wenn ich wieder merkte, dass sie in ein Loch fiel, ich sie nicht erreichen konnte.
    Als sie ihren vierten Suizidversuch unternahm, in der geschlossenen Abteilung einer Nervenklinik!, hinterließ sie nicht nur mich und ihre ältere Schwester, sondern auch ein fast dreijähriges Kind und ihren Mann. Sie überlebte drei Tage im Koma und entschlief dann ganz ruhig.
    Wir haten ihr immer wieder gesagt, dass sie gehen dürfe, auch wenn wir sehr traurig sind.
    Wie traurig, erfahre ich erst jetzt.
    Es ist eine Trauer, auch wenn sie schon Jahre im Voraus begonnen hat, oder vielleicht auch gerade deshalb, die nicht zu beschreiben ist.
    Ähnlich, wie du es beschreibst, gibt es auf meinem Weg Freunde, einen Ehemann gibt es nicht mehr, die mich begleiten, die für mich da sind, die mich in den Arm nehmen, die mit mir spazieren gehen, mit mir zum Essen gehen.
    Ich habe so furchtbar gerne gekocht, meine Tochter auch! Ich kann es im Moment nicht mehr.
    Ich habe gerade eine Woche Ferien, nächste Woche muss ich wieder ran, ich weiß aber eigentlich gar nicht, woher ich die Kraft nehmen soll. 25 Kinder die gleichzeitig an mir zerren. Die Vorbereitungen, all die Sorgen, die man sich um die einzelnen machen muss. Wie soll das gehen mit dieser lähmenden Trauer im Herzen.
    Ich bin unendlich dankbar für jeden einzelnen Freund und jede einzelne Freundin, die es schafft mir zu begegnen und mich zu begleiten, mit mir zu schweigen, mich in den Arm zu nehmen.
    Was gar nicht geht, sind Bemerkungen wie „du siehst aber gut aus“, wenn ich zu Freunden komme.
    Ja,wie denn bitte?
    Soll ich mir Ringe unter die Augen malen, soll ich meinen Kopf unter dem Arm tragen?
    Auch wenn ich seit so vielen Jahren mit dem schlimmsten rechnen musste, es ist so unfassbar, dass das eingetreten ist, wovor wir alle immer Angst hatten.
    Immer ist da die Frage, hätte ich nicht doch noch etwas machen können.
    Auch wenn die Ärzte und Schwestern auf der Intensivstation uns immer wieder sagten, dass wir das mit unserem rational funktionierenden Verstand nicht erfassen können.
    Die Restfrage bleibt dennoch.
    Ich weiß, dass ich dir keinen Trost mit meinen Zeilen senden kann, aber es tut gut, das was ich erlebt habe einfach noch einmal jemandem schreiben zu können, der die Unfassbarkeit der Situation nachempfinden kann, die Achterbahn der Gefühle kennt.
    In herzlicher Verbundenheit
    Carina

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Carina,
      ich verstehe Deinen Schmerz so gut und auch Dir möchte ich das AGUS-Forum empfehlen.
      Dort sind viele Menschen, die Dir helfen können – allein nur durch schreiben.
      Auch ich bin da lange gewesen und es tat mir sehr gut.
      Einen tröstenden Gruß schicke ich Dir aus Essen,
      Deine Annette

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