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Die Hilfe und die Gefühle für mein Leben

Meine lieben Leserinnen und Leser, 

nun sind vier und ein halbes Jahr vergangen, seit mein Sohn sich das Leben nahm. In dieser Zeit ist sehr viel in mir passiert. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich je wieder als Raumausstatterin arbeiten kann. Diese Einstellung lag an meiner damaligen Selbstständigkeit im Gardinengeschäft, in dem mir meine Jungs ab und an zur Hand gingen. Sie bereiteten mit mir einige Kommissionen vor und durften bei dem einen oder anderen Kunden ihre Hausaufgaben erledigen, während ich die Gardinen anbrachte. Die Erinnerung an die Vergangenheit ließ mir oft die Tränen in die Augen schießen. Sah ich meinen Sortimentkoffer mit dem Gardinenzubehör an, fing ich sofort an zu weinen. Also verbann ich den Koffer und all das Zubehör in den Keller. Ich konnte den Anblick dieser Gegenstände nicht schmerzfrei ertragen. Somit war ich mir damals sicher, ich würde niemals wieder als Raumausstatterin arbeiten, obwohl ich meinen Beruf sehr liebte. Mein Selbstbewusstsein und besonders meine Eigenliebe starben mit dem Suizid meines Sohnes. 

Mein Denken und meine Gefühle von jener Zeit bis heute haben sich sehr verändert. Das liegt an dem Weg, den ich gegangen bin. Viele liebe Menschen haben mich auf meinem Weg zurück ins Leben begleitet. Manche begleiteten mich ein kurzes Stück und andere stützen mich eine lange Strecke. Ich habe viele Zwischenstationen erreicht und jede Station war wertvoll für mich. Aber warum waren so oft liebe Menschen um mich herum und halfen mir? Ich konnte es mir zu Beginn nicht erklären. Mir fehlte der Blick auf mich und meine Person. Andere Menschen sahen die Annette, dann sollte ich sie doch auch sehen können. Schmerzhaft und zeitweise mit schlechtem Gewissen, betrachtete ich meine Gedanken und Gefühle. Unwissend, wohin sie mich bringen, bin ich trotzdem meinen Weg gegangen. Zu Anfang ließ ich mich treiben, bis ich mir wieder zutraute, auf meine Gefühle zu hören. Diese Entwicklung nahm sehr viel Zeit und Geduld meiner Mitmenschen in Anspruch. Nun war ich an der Reihe und musste etwas tun, denn es war und ist mein Leben. Ich lernte langsam wieder laufen.

Mit der Zeit und durch wertvolle Gespräche eröffneten sich meine Gefühle für mich. Ich fing an, mich so zu nehmen, wie ich war und vorsichtig entwickelte sich meine Liebe zu mir. Meine Selbstliebe, ohne egoistisch zu sein, keimte in mir auf. Diese Liebe tat mir gut, denn sie wurde auch von meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten bestätigt. Meine Selbstliebe stärkte mein Selbstbewusstsein.

Nachdem ich endlich zu mir fand, fühlte ich den Wunsch in mir hochkommen, wieder als Raumausstatterin arbeiten zu wollen. Zwar war es nicht immer einfach für mich, doch ich wollte nicht aufgeben. Ich hatte endlich wieder ein Ziel vor Augen. In dieser Zeit, in der ich in meinem Beruf arbeitete, kam ein zweiter inniger Wunsch in mir hoch.
Die Hilfe, die ich von meinen Mitmenschen erfahren durfte, möchte ich weitergeben. Das Gefühl, nicht alleine zu sein und sich irgendwann wiederzufinden war so überwältigend, dass ich meine Hilfe anbieten möchte. So fing ich an, mein Buch zu schreiben. Nicht nur für Hinterbliebene, sondern auch für Menschen, die sich für das Tabuthema Suizid und Suizidhinterbliebene interessieren.

Jetzt kann ich rückblickend und sagen:
Der Suizid meines Sohnes hat mein Leben verändert. Welche helfende Hand ich ergriff, um zurück ins Leben zu kommen, war mir überlassen. Auch bestimmte ich, ob ich überhaupt wieder ein normales Leben leben wollte. Letztendlich musste ich eigene Schritte tun, um wieder laufen zu lernen. Niemand lebt mein Leben, denn nur ich bin für meine Gefühle, Gedanken und somit für mich verantwortlich.

Ich wünsche Euch eine wunderbare Zeit und sende Euch viele Grüße rüber,
Eure Annette

 

 

 

Autor

Name: Annette Meissner

6 Gedanken zu “Die Hilfe und die Gefühle für mein Leben

  • Ich habe diese Seite nach intensiver Suche im Internet gefunden.
    Mein Sohn, gerade 24 Jahr alt, hat sich genau vor 4 Wochen das Leben genommen.
    Ich musst ihn nach der Arbeit finden.
    Seine Schwester, 18 Jahre alt, hat alles mit erlebt, steckt jetzt mitten in den Abiturprüfungen. Es ist fast unerträglich jeden Tag den Schmerz zu erleben. Ich weiß noch nicht, wie es weiter gehen soll. Ich habe liebe Menschen um mich, einen Partner, meine Tochter – aber nichts ist mehr wie es war. Wir hatten ein so enges, vertrautes Verhältnis, mein Sohn und ich. Es wird nie mehr wie es war.
    Und mir selbst kommt es vor, als sei etwas gestorben in mir. Für immer…
    Ich gehe arbeiten und versuche irgendwie das Leben weiter zu leben, aber es ist unendlich schwer… so schwer. Jeden Morgen ein Stein auf dem Herzen, jeden Abend in Tränen ertränkt, auch für die Mitmenschen…
    Wie soll es nur weiter gehen… Wie?
    LG Ines

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Ines …

      Der Verlust Deines Sohnes ist unsagbar schmerzlich. Ich kann Dir so sehr nachempfinden. Auch ich habe es nicht verstanden und stand plötzlich in einer völlig veränderten Welt. Es ist völlig normal, dass Du viel weinst. Das tat ich auch. Vier Wochen ist noch ganz frisch und Du darfst auch unsagbar traurig sein.
      Ohne Hilfe hätte ich es bestimmt nicht geschafft, die Annette zu werden, die ich jetzt bin. Allerdings brauchte ich viel viel Zeit und viel Geduld.
      Gib Dir Zeit und nimm die Hilfe an, die Du annehmen möchtest.
      Es ist schön, dass Du liebe Menschen an Deiner Seite hast.
      Ich nehme Dich mal lieb in den Arm und möchte Dich ein wenig trösten.

      Viel mitfühlende Grüße sende ich Dir aus Essen,
      Annette

      Antworten
  • Hallo Anette,deine Worte haben mich sehr ergriffen….
    Bei mir ist es noch nicht so lange her,erst 7 Monate sind vergangen seit ich meinen Bruder verloren habe…..
    Ich schwimme noch und weiß nicht wo ich ankommen werde.Im Moment lasse ich mich treiben….
    Es ist schön das ich auch ein oaar liebe Menschen an meiner Seite habe (ohne sie wäre ich noch lange nicht da wo ich heute bin)…
    Es ist so schwer wieder ins Leben zurück zu finden…..
    Mir ist es ein Trost wenn ich sehe das Du es schon geschafft hast…..

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Claudia …
      Bitte gib Dir Zeit und Du wirst eines Tages Deinen Weg finden. Anfänglich war es auch sehr schwer für mich und ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte.
      Es ist schön, dass ich Dir Hoffnung geben kann. Diese Hoffnug empfing ich damals von den lieben Menschen an meiner Seite. So kann ich sie weiter geben.
      Einen ganz lieben Gruß aus Essen schickt Dir
      Annette

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  • liebe annette.ich kann dir nur recht geben,dein leben geht weiter und dein gesunder menschenverstand hat dir mit fam.freunden und andere geholffen dein eigenes verändertes leben wieder einen sinn zu geben das du dich wieder selber lieben kanst.wir freuen uns aufrichtig das du und deine söhne wieder mit beiden beinen auf der erde steht,bitte bleibt so, wir bleiben immer hinter euch und wünschen euch einen unbeschwerten aufstieg ins neue leben und neues denken,möge gott ein einsehn haben und euch hinterbliebenen die hand reichen, das alle steine nicht mehr so schwer wiegen.auf diesen wege wünsche ich nur das beste…barbara

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    • Annette Meissner Autor

      Liebe Barbara …
      Danke schön, für Deine lieben Worte. Auch Du bist solch ein lieber Mensch, der mich begleitet hat.
      Auch wenn die Entfernung nach Belgien groß ist, bist Du mir doch immer nahe.
      Es ist schön, dass es Dich gibt.
      Einen ganz lieben Gruß schickt Dir
      Annette

      Antworten

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