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Die Einsamkeit der Suizid-Hinterbliebenen

Hallo, meine lieben Leserinnen und Leser!

Heute möchte ich ein sehr wichtiges aber auch schwieriges Thema ansprechen. Es geht um die Reaktion einiger Mitmenschen, sobald sie vom Suizid meines Sohnes hören. Nicht nur mir erging es so, sondern auch anderen Suizidhinterbliebenen.
Um zu verdeutlichen, was ich ansprechen möchte, beschreibe ich hier eine Situation, die sich ähnlich zugetragen hat. Auch nenne ich hier absichtlich keine Namen.

Eine Feier von meinen Freunden stand an. Ich war selbstverständlich auch eingeladen. Natürlich ging ich dort hin, denn ich freute mich darauf, wieder einmal neue Leute kennen zu lernen. Zwanglose Atmosphäre herrschte überall. Die Menschen, die sich noch nicht kannten, machten sich miteinander bekannt. Wir unterhielten uns angeregt über verschiedene Themen und hatten viel Spaß an diesem Abend.

Um uns näher kennen zu lernen, sagte eine Frau: „Och, dann lass uns doch mal zum Grillen treffen. Tanja, hast Du auch Lust? Samstag in zwei Wochen bei uns im Garten.“ Ich freute mich über die Einladung und sage zu. Der Abend verlief weiterhin lustig und locker.

Meine Freunde konnten es leider nicht einrichten. So beschloss ich, alleine dort hin zu gehen. Ich wurde mit einem großen Hallo empfangen. Das Wetter war angenehm warm und einfach perfekt zum Grillen und um Spaß zu haben. Die Leute erzählten von sich und ich erzählte von mir. Wie es sich auf Grillpartys meist zu trägt. Irgendwann wurde mir die Frage gestellt: „Und, Tanja, wie viele Kinder hast Du denn?“ Dies ist natürlich eine ganz normale Frage. Ich antwortete: „Drei Jungs.“

Darauf folgt natürlich die nächste Frage: „Was machen sie denn?“ Ich beantworte wahrheitsgemäß, was der Älteste und der Jüngste machen, und wo sie wohnen. „Du sagtest doch eben, dass Du drei Jungs hast. Was ist mit dem Dritten?“ werde ich darauf gefragt. Meine Antwort lautete: „Er hat sich vor fast drei Jahren mit 19 Jahren das Leben genommen.“

Stille… Entsetzen…

Innerlich und auch äußerlich gingen einige Leute einen Schritt zurück. „Das ist ja scheußlich. Oh, Du Arme. Es gibt ja nichts Schlimmeres, als ein Kind zu verlieren.“ sagte vorsichtig jemand aus der Runde. Einige Leute zogen sich sofort zurück und redeten leise weiter. Mir schien, sie redeten über mich.

Natürlich erklärte ich, dass es nicht einfach war, mit der Situation zu leben und dass ich erst einmal heilen musste. Auch erläutere ich, dass ich viel daran arbeite, um am Leben wieder teilhaben zu können. Trotz der Erklärungen meinerseits, verlief der restliche Abend mit einer etwas gedrückten Stimmung.

Was hätte ich denn sagen sollen?
Soll ich etwa lügen und meinen zweiten Sohn verleugnen, damit die Stimmung nicht kippt? Nein- Kinder sind ein normales Thema bei erwachsenen Menschen, die gemütlich Beisammensitzen. Das Thema Scheidung kam ja auch zur Sprache. Vor einigen Jahren hätte das Thema Scheidung dieselbe Reaktion hervorgerufen, denn darüber „sprach man nicht“.

Was erwarten meine Mitmenschen von mir?
Soll ich jetzt für immer trauern und mich zurückziehen damit ich dem Denken einiger Menschen gerecht werde? Nein- das werde ich nicht tun.

Wovor haben einige meiner Mitmenschen Angst?
Manchmal komme ich mir vor, als habe ich eine ansteckende Krankheit. Das klingt jetzt zwar hart, aber so fühlte ich mich.

Leider bekomme ich selten die Chance, darüber zu reden, denn manche Menschen ziehen sich wortlos von mir zurück. Es wäre sehr wichtig für mich, zu erfahren, was sie denken, sobald das Thema Suizid und Suizidhinterbliebene auftaucht.

Fairerweise möchte ich hier noch ausdrücklich betonen, dass ich mittlerweile auch Menschen kennen gelernt habe, die sich nicht von mir zurückzogen, obwohl sie meine Geschichte kennen. Sie gehen ganz normal mit mir um. So wünsche ich es mir.

Es ist mir vollkommen klar, dass die Reaktionen meiner Mitmenschen von meiner eigenen Ausstrahlung abhängig ist. Wirke ich traurig und verletzt, dann werde ich bedauert und getröstet.
Wirke ich optimistisch, so sind die Reaktionen wiederum sehr unterschiedlich.
Einerseits hörte ich: „Kopf hoch, das Leben geht weiter…“
Andererseits hieß es: „Das könnte ich nicht, wenn ich mir vorstelle, dass mein Kind- Nein. Ich will gar nicht darüber reden. Wie Du das kannst. Toll.“
Eine dritte Variante habe ich bei meiner optimistischen Ausstrahlung auch schon erfahren: „Das ist sehr schön, dass es Dir besser geht. Ich glaube auch, dass Du es schaffst. Falls Du reden möchtest, ich bin da. Allerdings hoffe ich, das ich nie in Deine Situation komme.“
Das tat mir sehr gut, denn es war ernst gemeint.

Es gibt einige Themen, die in unserer Gesellschaft Tabuthemen sind. Suizid gehört dazu. Es resultiert aus Mangel an Informationen. Vorurteile entwickeln sich, unter anderem durch Unwissenheit, sehr schnell. Menschen unterhalten sich angeregt über ein „schwieriges Thema“, so lange es sie nicht selbst betrifft. Befindet sich ein Betroffener in dieser Runde, macht sich Unsicherheit unter den Menschen breit.

Der Grund meines Artikels ist, helfen die Vorurteile gegenüber Suizidhinterbliebenen abzubauen. Wir Suizidhinterbliebene werden es ein Leben lang bleiben, und es wird sich niemals ändern. Wir ändern uns und unsere Einstellung zum Leben. Wir möchten nicht unentwegt bedauert werden. Wir möchten wieder am Leben teilhaben und „normal“ behandelt werden.

Was denkt Ihr über dieses Thema?
Über einen Kommentar Eurerseits würde ich mich sehr freuen. Nicht Jeder schreibt gerne öffentlich. Daher biete ich Euch an, mir eine persönliche Mail an meine EMail Adresse zu schicken. Diese Mail behandele ich ohne Frage vertraulich. Nichts wird veröffentlicht. Eine Antwort erhaltet ihr selbstverständlich auch.

kontakt@suizid-in-familie.de

Lieben Gruß schickt Euch
Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

3 Gedanken zu “Die Einsamkeit der Suizid-Hinterbliebenen

  • Annette Meissner

    Liebe Bärbel …
    Ich kann Dich sehr gut verstehen, denn mir ging es auch so.
    Als ich den Kontakt zu anderen Hinterbliebenen fand, fühlte ich mich ein wenig besser, denn wir teilten und teilen unser Schicksal.
    Liebe Bärbel, lass Dich mal lieb in den Arm nehmen und trösten,
    Annette

    Antworten
  • Hallo Annette,

    es dürfte Dir klar sein, dass man, wenn eine ‚normale‘ Frage gestellt wird, nicht mit einer solchen Antwort rechnet. Es ist so, als wäre gerade ein Bombe in unmittelbarer Nähe hochgegangen. Hättest Du Deinen Sohn verleugnet, wenn Du das abgeschwächt und gesagt hättest: „Er ist vor etwa drei Jahren verstorben.“? Sicher nicht.
    Zunächst ist das ein Schock und man fühlt sich irgendwie schuldig, dass Du durch die Frage wieder an dieses Ereignis erinnert wurdest. Man zieht sich dann zurück, weil dieses Schuldgefühl unterbewusst weiterhin vorhanden ist. Da diese Leute Dich auch nur oberflächlich kennen, sind sie unsicher und wissen nicht, wie sie weiterhin mit Dir umgehen sollen. Sie wollen die vermeintliche Wunde nicht noch weiter aufkratzen.
    Es ist bei allen Tabuthemen so oder so ähnlich und Du solltest das auf gar keinen Fall persönlich nehmen, denn ich denke nicht, dass da irgendwelche Vorurteile im Spiel sind.
    Scheidung ist heutzutage etwas Alltägliches und nicht vergleichbar.
    Vielleicht hilft es ja, wenn Du die betreffende Person noch einmal gezielt ansprichst und ihr diese Problematik mitteilst. Schwierig wird das bei einer ganzen Gruppe. Aber wenn Dir etwas an diesen Leuten liegt, dann solltest Du sie darüber informieren, was Dir wichtig ist, was Du willst und wie sie damit umgehen sollen – ihnen ihre Unsicherheit nehmen. Sollten sie Dir immer noch ausweichen, haben sie Dich sowieso nicht verdient.

    Einige Dinge hast Du Dir auch schon selbst beantwortet: „Es ist mir vollkommen klar, dass die Reaktionen meiner Mitmenschen von meiner eigenen Ausstrahlung abhängig ist.““Mir schien, sie redeten über mich.““Manchmal komme ich mir vor, als habe ich eine ansteckende Krankheit.“ usw. Das sind angenommene Empfindungen, keine definitiven Fakten!
    Damit hast Du es auf den Punkt gebracht.
    Letztendlich müssen beide Seiten „lernen“ damit umzugehen und dazu ist eine Seite wie diese hier ein sehr gutes Instrument.
    Ich wünsche Dir, dass Du damit viele Menschen erreichst und ihnen hilfreiche Tipps geben kannst.
    Liebe Grüße
    Toni ;o))

    Antworten
    • Annette Meißner

      Hallo Toni,

      ich danke Dir für Deinen ausführlichen und ehrlichen Kommentar.
      Selbstverständlich verleugne ich meinen Sohn nicht, wenn ich sage, er sei verstorben. So habe ich bereits ein paar Mal die Frage nach meinem Sohn beantwortet. Worauf prompt die Frage kam: „Woran ist er denn gestorben?“ Als ich ehrlich antwortete, war die Reaktion die selbe, die ich hier beschrieb.

      Da ich selber erst mit der Situation fertig werden musste, und mir auch viel Zeit dafür nahm, kann und werde ich niemanden für seine Reaktion verurteilen. Anfänglich bin ich in Tränen ausgebrochen, sobald mich jemand fragte, wie viele Kinder ich denn habe. Ich war nicht imstande zu sagen, was passiert war. Worauf sich die meisten Menschen, die mir diese Frage stellten, sich sofort bei mir entschuldigten. Allerdings war es eine ganz normale Frage und niemand rechnet natürlich mit solch einer Antwort, geschweige mit solch einer Reaktion.

      Mit viel Hilfe von Freunden, meiner Familie, meinem Glauben und intensiver Arbeit an mir fand ich den Weg ins Leben zurück. Jetzt erst habe ich die Kraft und den Mut zu sagen, was ich mir von meinen Mitmenschen wünsche. Natürlich habe ich in Einzelgesprächen erfahren, wie ich auf die Menschen wirke.

      Selbstverständlich sind es Empfindungen, wenn ich mich fühle, als habe ich eine ansteckende Krankheit. Um die Gefühle geht es mir in erster Linie. Es sind, wie Du so schön schriebst: „Zunächst ist das ein Schock und man fühlt sich irgendwie schuldig, (…)“ die Gefühle meiner Mitmenschen. Dieses Gefühl und auch weitere unausgesprochene Gefühle möchte ich mit und in meinem Blog ansprechen.
      Manche Menschen reagieren aus ihrem Bauch heraus so, wie wir Suizdhinterbliebene es uns wünschen. Es gibt keine „perfekte“ Reaktion. Natürlich kann und werde ich niemandem vorschreiben, wie er zu reagieren hat, aber ich kann jetzt auf meine Mitmenschen einen Schritt zu gehen und ihnen sagen, was ich mir wünsche.

      Ich wünsche mir, dass meine Mitmenschen keine Schuldgefühle entwickeln und dass sie keine Angst haben, weitere Fragen zu stellen. Auch wünsche ich mir, dass ich normal behandelt werde.

      In einem weiteren Kapitel werde ich näher darauf eingehen, was wir Suizidhinterbliebene uns von unserer Umwelt wünschen. Nur, wenn über ein bestimmtes Thema gesprochen wird, kann der Blickwinkel verändert werden.
      Ich hoffe auch, dass ich viele Menschen mit meinem Blog erreiche.

      Ganz viele liebe Grüße schickt Dir
      Annette

      Antworten

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