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Der Geburtstag meines verstorbenen Sohnes

Heute vor 25 Jahren brachte ich meinen Sohn Enrico zur Welt.
Heute feiere ich seinen Geburtstag zum fünften Mal ohne ihn.

Ich war 19 Jahre lang seine Mommy – mit seinem Einverständnis; dann ist er gegangen. Er ging für immer durch Suizid.
Natürlich werde ich immer seine Mommy bleiben, denn er lebt in meinem Herzen weiter.
Die Trauer, Wut und das Unverständnis seines Suizides haben sich in mir gewandelt zu einer unentlichen Liebe. Den Weg, den ich gegangen bin, war gesäht mit Tränen, Haltlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und anderen Gefühlen, die ich Euch, die es selber durchmachten, nicht erklären muss. Meine Schwester und meine echten Freunde gaben mir Halt, Trost, Zuversicht, Verständnis und Liebe, die ich annahm, um wieder am Leben teilzunehmen.

Vielleicht liest sich dieser Artikel sehr leicht, denn ich fand meinen Weg. Das Leben, welches ich führte, um wieder zu mir zu finden war dagegen nicht so leicht. Es war sehr schwer für mich. Zweifel machten sich immer wieder breit und die Sicht zum Horizont war getrübt. Getrübt ist nicht der richtige Ausdruck. Ich befand mich zuerst in einem tiefschwarzen Loch, dann lag eine dicke Decke über mir, die mir sogar die Luft zum Atmen nahm. Als die Decke mit der Zeit verschwand, legte sich Nebel über mein Leben und ließ keinen Weitblick zu.
Erst als sich der Nebel lüftete, konnte ich wieder sehen. Stück für Stück. Zuerst die Gegenward und später dann die Zukunft.

Aber:
Ich fiel in unregelmäßigen Abständen immer wieder zurück. Der Nebel legte sich zeitweise sehr dicht um mich und nahm mir meine Sichtweise und meinen Blick fürs weitere Leben. Das war für mich sehr schlimm und kraftaufwendig.

Doch:
Ich hatte liebe Menschen um mich, die das selbe durchmachten und mir versichteren, dass sie dieses Gefühlschaos auch durchlebten und dass es normal für uns sei. Diese Aussagen halfen mir tatsächlich weiter und ließen mich ruhiger werden.

Heute weiss ich, dass es sich lohnt, wieder Mut zu fassen. Ich bin glücklich, dass ich so viele liebe Menschen um mich habe und kann getrost in die Zukunft sehen.
Heute an Enricos Geburtstag, werde ich mir wieder Bilder ansehen, Musik hören und mit einem Glas Wein auf ihn anstoßen. Ich freue mich, dass ich 19 Jahre als seine Mommy mit ihm verbringen durfte.

Alles braucht seine Zeit.

Ich schicke Euch ganz viele liebe Grüße aus Essen rüber,
Eure Annette

Autor

Name: Annette Meissner

3 Gedanken zu “Der Geburtstag meines verstorbenen Sohnes

  • Liebe Annette

    Es ist schön, dass Du den Geburtstag Deines verstorbenen Sohnes heute ohne diesen grausamen Schmerz verbringen kannst.

    Mein geliebter Sohn Daniel hat sich heute vor zwei Jahren, drei Monaten und neun Tagen für diesen Weg entschieden. Ich muss Dir nicht erklären, wie ich mich fühle.

    Dieser Nebel, der sich immer wieder auf mich legt. Mehr noch, es ist eine dunkle Decke, die schwer auf mir liegt und mir die Luft zum atmen und meine Lebensfreude nimmt. Immer und immer wieder.

    Du schreibst, dass Du glücklich bist, weil Du liebe Menschen um Dich hast. Das genau ist bei ein grosses Problem. Ich habe auch Menschen, die sich bemühen, mich abzulenken, auf andere Gedanken zu bringen usw. Aber ich habe, ausser meinen beiden Töchtern, niemanden, der mich aushält, wenn ich im tiefen Tag bin und mich zurückziehe. Wahrscheinlich ist mein grösstes Problem, dass ich mich nicht getaue, mich so jemandem zuzumuten. Zu gross ist meine Angst vor dem Verstummen der Menschen. Ich habe das schon ein paar Mal erlebt und traue mich wirklich nicht mehr. Wenn ich Daniel anspreche, bekomme ich nur unsichere Blicke zu sehen. Oder ich habe das Gefühl, dass ich jetzt nach über zwei Jahren doch mal langsam darüber hinweg sein sollte.

    Ich habe Angst, zu vereinsamen. ^

    Wie sind Deine Erfahrungen? Gibt sich das mit den Jahren wieder?

    Liebe Grüsse
    Regula

    Antworten
    • Annette Meissner Autor

      Liebe Regula,
      bei mir hat es sich mit den Jahren ergeben, dass ich meinen Weg gefunden habe. Ich bin jetzt auch wieder verheiratet. Glücklich sogar.
      Ich möchte Dir gerne das Agusforum ans Herz legen, in dem ich viele Jahre sehr viel schrieb. Dort habe ich Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben und dort sind Freundchaften entstanden, die bis heute andauern. Unser gemeinsames Schicksal hat uns zusammengebracht.
      Hier schicke ich Dir den Link: https://www.agus-selbsthilfe.de/forum/
      Dass Deine Mitmenschen nicht mit Dir über Daniel sprechen möchten, kann von Unsicherheit zeugen. Niemand sollte Dir vorschreiben, wann es gut sein sollte. Jeder Mensch trauert anders und braucht seine Zeit. Du wirst immer eine „verwaiste Mutter“ bleiben. Das bin ich auch.
      Ich schicke Dir einen tröstenden und kraftvollen Gruß aus Solingen rüber,
      Deine Annette

      Antworten
  • Hallo Frau Meißner !Mein 7 Jahre jüngerer Bruder nahm sich vor 41 Jahren das Leben . Er nahm Tablletten . Ich war damals hochschwanger und meine Gedanken waren nicht total bei meinem Bruder. Hatte dann lange das Gefühl ihn allein gelassen zu haben .Nicht auf meine Ahnungen gehört zu haben .Er war erst 21 Jahre alt . Ich konnte nie so richtig mit meiner Mutter darüber sprechen .Sie war früh verwitwet und hatte einige Jahre später neu geheiratetI. Mein Bruder war 14 als sie den neuen Mann kennenlernte .Ich glaube das und der frühe Tod unseres Vaters könnten ihn aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht haben Der neue Mann meiner Mutter war ein warmherziger ,freundlicher Mensch ,der sich nicht in die Erziehung einmischte .Ich weiß nicht wie sie den Verlust verarbeitet hat i.Wir haben dieses Thema nur sehr vorsichtig behandelt .iIch glaube wenn wir ohne diese Scheu miteinander gesprochen hätten ,hätte ich alles besser verarbeiten können. Viele freundliche Grüße und Danke !

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