Ein Brief an Alle

Ihr Lieben!

Christina Stern ist eine hinterbliebene Mutter. Sie hat nach dem Suizid ihres Sohnes einen offenen Brief geschrieben. Diesen Brief darf ich auch hier in meinem Blog publizieren. Dafür möchte ich mich recht herzlich bedanken. Mit diesen Brief klärt sie die Gesellschaft auf, wie es in uns Hinterbliebenen aussieht und bittet darum, die Reaktionen der Amtsträger und der Mitmenschen zu überdenken.
Hier nun der Brief:

Über Menschen, die uns am 26.Juli 2008 begegnet sind und der Zeit danach;

Die Woche vor dem 26. Juli 2008

Unser 18jähriger Sohn Christoph hat sein Fachabitur sehr gut bestanden; sein jüngerer Bruder Andreas hat einen Ausbildungsplatz; wir sind sehr stolz auf unsere Jungs. Christoph plant für die nächsten 2 Wochen erstmal ausruhen und sich mit seinen Freunden treffen, zu feiern, bevor er sein 1 jähriges Praktikum antritt.

Am Nachmittag des 25. Juli verabschiedet sich Christoph gut gelaunt mit den Worten:“ Also Mama, bis spätestens morgen Mittag bin ich wieder zurück.“ Er wollte Freunde treffen, um mit ihnen zu feiern. Abends mache ich mich auf den Weg zum Nachtdienst; mein Mann ist auch schon unterwegs, auch er hat Nachtdienst. Am nächsten Morgen kaufe ich auf dem Heimweg noch Brötchen und decke den Frühstückstisch für 4 Personen, danach lege ich mich schlafen. Mein Mann kommt etwas später.

Gegen 10 Uhr werden wir durch Klingeln und Klopfen geweckt. Mein Mann hört es als Erster und geht zur Tür. Ich komme gerade zur Küche und höre meinen Mann sagen:“Das darf doch nicht wahr sein!“ Er dreht sich zu mir herum und sagt fassungslos: „Christoph hat sich umgebracht“.

Was nach diesem Satz mit mir passiert, kann ich teilweise nur wiedergeben, denn manches habe ich wie durch einen Schleier erlebt. Ich schaue in die Küche und sehe 2 Polizisten vor mir und sage: “ Nein, das ist nicht wahr!!!“ Die Polizistin sagt darauf recht gefasst: „Doch, es stimmt. Christoph hat sich morgens um 5.54 vor einen Zug geworfen!!“

Ich weine, ich schreie ich renne durchs Haus. Ich will das nicht glauben. 2 Seelsorger versuchen uns zu beruhigen, was ihnen nicht gelingt. Ich bin ständig in Bewegung, ich bin atemlos, fassungslos und ein ungeheurer Schmerz, der kaum auszuhalten ist, ist in mir. Obwohl ich das Gefühl habe, den Verstand zu verlieren, rufe ich auf meiner Station an und sage dem Kollegen, das ich nicht zum Dienst kommen kann.

Mein Mann ist nicht in der Lage, auf seiner Station anzurufen; dies übernimmt Andreas, der auch meinen Bruder und Freunde von uns anruft. Die Seelsorger haben in der Zwischenzeit einen Arzt angerufen, damit ich ein Beruhigungsmittel gespritzt bekomme.

Das Allererste, was der Arzt von mir möchte, ist mein Versicherungskärtchen!!!!! Ich glaube, mich daran erinnern zu können ist, dass ich ganz hysterisch rufe: „Ich habe meinen Sohn verloren!“ Und der denkt nur an sein Versicherungskärtchen. Dieser Arzt (selbst Vater von 3 Kindern), ist nicht in der Lage, nur ein einziges persönliches Wort an uns zu richten. Er: „Wollen Sie jetzt eine Spritze, oder nicht?“ Ich lasse mir die Spritze geben und der Arzt geht.
Dieser Arzt muss noch sehr viel lernen.

Die beiden Seelsorger versuchen mich zum Hinsetzen zu bewegen, was nicht geht, ich muss mich ständig bewegen; bin zwischen hyperventilieren und den Verstand zu verlieren. Die Seelsorger sind mit dieser Situation total überfordert, ich habe meinen Mann gebeten, sie fortzuschicken. Die Anwesenheit ist mir zu viel.

Meine Bitte an diese Menschen, die bei solchen schlimmen Familientragödien Hilfe geben sollen, holt euch Rat von betroffenen Eltern, das sind die besten Therapeuten, die sind es, die wissen, was in den ersten Stunden hilft und was nicht!

Viele Freunde und Nachbarn sind an diesem ersten Tag und an den darauffolgenden Tagen bei uns. Und haben mit uns geweint und versuchen uns zu trösten. Natürlich kann uns keiner den Schmerz nehmen, aber die Anwesenheit tut gut. Für betroffene Eltern ist es sehr wichtig, dass sie nicht alleine sind. An alle Menschen, die auch in eine solche Situation geraten, habt den Mut und die Kraft und kümmert euch um diese Familie. Kocht Kaffee, macht Essen, und seid einfach nur da.

Mein Bruder, der auch Polizist ist, kommt sofort zu uns, und kümmert sich um viele Dinge, zu denen wir nicht in der Lage sind. Wir wissen nicht, wo unser Sohn ist, nur, dass die Leiche beschlagnahmt ist, um ein Fremdverschulden auszuschließen. Für uns ist das sehr schlimm. Wir wissen, unser Sohn ist tot und keiner kann uns sagen, wo er ist. Das hätten uns die Polizisten sagen können, aber die waren nicht mehr im Dienst. Es ist Samstag und wir müssen bis Montag warten.

Ich erlebe diesen Samstag wie in einem Horrorfilm. Ich sehe ständig auf die Straße und meine, dass Christoph hier entlang spaziert. Ich sehe in seinem Zimmer nach, ob er nicht vielleicht doch in seinem Bett liegt und schläft. Mein Mann versucht bei Christoph´s Freund zu erfahren, was an diesem Tag passiert ist, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Aber es ist nicht viel zu erfahren. Die Freunde stehen auch unter Schock.

Montags hat mein Bruder dann von Kollegen die Nachricht erhalten, dass die“Leiche“ freigegeben ist, und sie in Lampertheim vom Bestatter abzuholen ist.

Ich rufe zuerst bei unserer Pfarrerin an und sie verspricht, gleich zu kommen. Auch sie kann es nicht glauben. Doch auch sie hat nach dem Erstgespräch, nach der Beerdigung und nach dem obligatorischen Gespräch, nachdem 2 Wochen der Beerdigung vorüber waren, keinerlei Versuche unternommen, um wieder in Kontakt mit uns zu kommen. Mir persönlich wäre es sehr hilfreich gewesen.

Daher rate ich jedem Pfarrer, immer wieder den Kontakt zur betroffenen Familie zu suchen, es hilft!!

Danach rufe ich beim Bestattungsunternehmen an. Es ist eine Frau und wir sollen dann in das Institut kommen. Mein Bruder ist in dieser Zeit ständig bei uns, und das ist sehr hilfreich. Nun sollen wir einen Sarg für unseren Sohn aussuchen. Das ist der blanke Horror. Und ich weiß nicht, woher wir diese Kraft nehmen.

An diesem Montag erhält unser totes Kind Post vom Deutschen Roten Kreuz. Es ist eine Privatrechnung, für die erbrachten Leistungen am Unfallort und weil er das Versicherungskärtchen nicht bei sich hatte. Ich bin außer mir!! Nicht wegen der Rechnung, sondern wegen so eines ungeheuerlichen Verhaltens. Denn das war ja klar, dass für unseren Sohn jede Hilfe zu spät kam; dass man dann einem Toten eine Rechnung schickt, das ist zuviel.

An alle Menschen, die mit diesen Dingen zu tun haben, überlegt euch es sehr genau, wie man was formuliert. Ein an die Eltern von Christoph S. hätte bei mir nicht so eine Bestürzung ausgelöst.

So ging es uns mit einigen Ämtern. Wir bekamen von der Stadt Lampertheim eine Rechnung mit den Worten…….. zur Kühlung einer Leiche, die Kosten pro Tag etc. Mein Mann hat dort angerufen und gesagt, dass diese Leiche unser Kind ist und einen Namen hat, worauf die Dame patzig antwortet: „Da hat sich noch niemand beschwert.“
Man kann über einen Toten nicht verfügen, wie über einen Gegenstand. Gerade für Eltern ist es wichtig, dass das Kind nach seinem Tod fürsorglich behandelt wird!!

Am Montagnachmittag dürfen wir in das Beerdigungsinstitut. Wir stehen vor dem verschlossenen Sarg unseres Kindes. Das ist ein Albtraum. Wir bringen Dinge mit, die unserem Sohn sehr wichtig waren.

Ich wundere mich, warum der Sarg zu ist. Erst viel später erfahre ich warum, und ich beneide alle Eltern, die ihr Kind noch einmal sehen dürfen, es streicheln und sich von ihm verabschieden können. Der Gedanke, dass in diesem Sarg gar nicht mein Kind ist, sondern jemand anderes, und das mein Kind noch lebt lässt mich vorerst nicht los.

Der Tag der Beerdigung ist da. Wir wissen nicht, wie wir das überstehen sollen. Christoph´s ganze Klasse ist da, viele Eltern, viele Lehrer und eben Alle, die mit uns verbunden sind. Christophs Lieblingsmusik wird gespielt und alle verabschieden sich von ihm am Grab. Es tut uns gut, als wir sehen, wie beliebt er war. Und es tut gut, in den Arm genommen zu werden. Es ist wichtig für die Familie, die Beerdigung zu organisieren, dem Kind einen würdevollen Rahmen zu gestalten. Wir waren sehr froh darüber, dass es z.B. in Bezug auf die Musik keinerlei Einwände gab.

In den ersten 14 Tagen sind wir rund um die Uhr nicht alleine. Meine damals beste Freundin verspricht so schnell wie möglich aus Norddeutschland für eine Woche zu kommen, und sich um uns zu kümmern. Aus dieser Woche wurden 3 Tage. Übernachtet hat sie bei einer anderen Freundin, mit der Begründung, dass sie nicht gewusst habe, ob für sie Platz da sei.Tatsache war aber, dass sie bei uns nicht übernachten wollte. Diese Freundin, die für mich immer einen Rat hatte, ist dieser Situation gegenüber ratlos und hilflos. Der Tod von Christoph hat unsere 30ig jährige Freundschaft nicht überlebt.

Viele Freundinnen haben sich dann nicht mehr bei uns gemeldet, sie haben uns gemieden. Ich hatte das Gefühl, eine ansteckende Krankheit zu haben. Meinen Rat an Alle: wenn ihr zu unsicher seid, um einen ersten Kontakt aufzunehmen, dann schreibt einen Brief. Wir Eltern sind sehr dankbar für alle Gesten, Besuche und Gespräche. Was man vermeiden sollte, den Eltern als Trost irgentwelche Floskeln zu sagen, wie z.B. „Ihr müsst loslassen.“ Wie soll und kann man etwas loslassen, was man unendlich liebt?? Oder, „Das war sein Weg“, oder „das Leben geht weiter!!“ Das sind Sätze, die sehr weh tun. Das Leben ist erstmal nicht mehr lebenswert und keiner von uns Eltern, will es in dieser Weise weiterleben. Wir werden dazu gezwungen.
Hilfreich ist es, über das tote Kind zu sprechen.

Nach 14 Tagen fange ich wieder an zu arbeiten. Doch auch hier hat sich nun alles geändert. Die Kollegen wissen nicht so recht, mit mir umzugehen. Eine Arbeitskollegin fragt mich, wie es mir geht; doch bevor ich antworten kann, gibt sie sich selbst die Antwort.“ Gut, nicht?“ Sie meint es nicht böse, das weiß ich jetzt, aber in diesem Moment bin ich fassungslos. Wir haben ein gutes Arbeitsklima, jeder ist für jeden da. Doch in meinem Fall kommen meine Arbeitskollegen an ihre Grenzen. Ich habe das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören. An eine Situation kann ich mich sehr gut erinnern. Eine Kollegin, die aus ihrem Urlaub zurückkommt, umarmt alle Mitarbeiter, mir gibt sie die Hand.

Ich komme mir wie ein Außenseiter vor. Dabei möchte ich einfach nur „normal“ behandelt werden. Ich stehe vor einer Entscheidung, diese Klinik zu verlassen und mich irgendwo zu bewerben, wo man mich und mein Schicksal nicht kennt. Doch ich entscheide mich, an meine Chefin einen Brief zu schreiben. Sie ist sehr erleichtert darüber und sucht nun auch das Gespräch mit mir. Sie sagt, die Mitarbeiter wüssten nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Mittlerweile bin ich froh, diese Station nicht verlassen zu haben. Ich fühle mich nun wieder dazu gehörend.

Für unseren jüngeren Sohn hat sich auf einen Schlag alles geändert. Er hat nicht mehr diese Eltern, wie vor Christoph´s Tod. Er reagiert gereizt, wenn ich am weinen bin. Er wirft mir vor, dass ich es lieber sähe, wenn er, anstelle von Christoph tot sei. Er schottet jegliches Gefühl ab. Ich habe das Gefühl, er trauert nicht um seinen Bruder. Ich kenne meinen Sohn nicht mehr und er kennt mich nicht mehr. Es gibt viele Auseinandersetzungen, viel Unverständnis auf beiden Seiten. Er versucht so wenig wie möglich Zuhause zu sein. Er, der immer sehr temperamentvoll, spontan und lustig ist, hält es in unserem traurigem Heim nicht mehr aus. Es dauert sehr lange, bis wieder ein Aufeinanderzugehen möglich ist. Und ab und zu sucht er ein Gespräch mit mir über Christoph.

An betroffene Eltern; auch wenn es sehr schwer ist, habt Geduld mit euren anderen Kindern, sie trauern anders als Erwachsene. Die Kinder suchen oft nicht das Gespräch mit den Eltern, einfach um sie nicht noch mehr zu belasten.

In der ersten Zeit, als ich zum Einkaufen gehe, ist das für mich sehr anstrengend. Einige Menschen, die mich erblicken, biegen sofort in den nächsten Gang ab, oder tun so, als wenn sie mich nicht sehen; andere nehmen mich einfach in den Arm. Ich bin für diese Stärke sehr dankbar.

Gleich in der ersten Woche, nach Christoph´s Tod nehme ich mit einer Trauerbegleiterin Kontakt auf. Mein Mann und ich sind zu mehreren gemeinsamen Gesprächen bei ihr, danach sind wir in der Trauergruppe, die von ihr geleitet wird. Das ist für uns ein Rettungsanker. Wir lernen betroffene Eltern kennen und erfahren, dass wir mit unserem Schicksal nicht alleine sind. Es entwickeln sich Freundschaften. Ich bin heute noch bei meiner Trauerbegleiterin zu Einzelgesprächen, durch sie habe ich den Tod meines Kindes überleben können.

Durch ihre eigene Erfahrung mit dem Tod ihres Kindes und durch die vielen Eltern, die sie schon begleitet hat, war sie für mich die richtige Therapeutin. Im Gegensatz zu den Psychotherapeuten, deren Wissen in Trauerbegleitung nur „angelernt“ ist, sind die Trauerbegleiterinnen meistens selbst Betroffene und zudem auch ausgebildet. Leider werden diese Stunden von der Krankenkasse nicht bezahlt. Bezahlt werden die Psychotherapeuten, die studiert haben.

Ich lehne diese Art von Psychotherapie ab. Daher bitte ich bei meiner Krankenkasse um eine Kostenübernahme bei meiner Trauerbegleiterin, oder eine Kostenbeteiligung. Dieses wird konsequent abgelehnt. Psychotherapie ja, auch wenn sie Jahre dauert. Trauerbegleitung nein, obwohl „nur“ 2 mal im Monat.

Nachdem ich diesem Herrn von der Krankenkasse erkläre, wobei ich auch sehr emotional bin, dass für mich nichts anderes in Frage kommt, und ich von ihm auch keine Kostenübernahme für eine Schönheitsoperation verlange, meint er, ich solle mal sachlich bleiben!!! Ich habe diesem Herrn gesagt, dass ich keinem Menschen etwas Böses wünsche, aber ihm persönlich mal eine Stunde diesen Schmerz auszuhalten, den ich seit dem 26. Juli ertragen muss.

Damit ist für mich dieses Gespräch beendet. Aber am nächsten Tag ruft ein anderer Herr von der Krankenkasse an, der einlenken möchte und meint, er könne mich ja mal bei dem Medizinischen Dienst vorstellen!! Ich bin geschockt. Mein Mann hat dann bei der Krankenkasse noch mal angerufen, um zu fragen, wie der Medizinische Dienst beurteilen möchte, wie tief die Trauer bei einer Mutter sein muss, damit man eine Kostenbeteiligung durch die Krankenkasse bekommt. Eine Trauerskala von 1 bis 10?? Ich erwarte von den Sachbearbeitern, dass sie nicht nur sachlich, sondern auch menschlich sind, UND, dass sie sich doch über die wichtige und wertvolle Arbeit, von Trauerbegleiter-innen und über die Selbsthilfegruppen informieren.

Ich habe in der ersten Zeit die Schuld bei mir gesucht, weil sich einige Freunde sich nicht mehr melden. Ich konnte mir das nicht erklären. Und………. Es tut sehr weh. Auch die wohl gut gemeinte „wenn was ist, dann melde dich“; ist nicht wirklich hilfreich. Ich bin nicht in der Lage anzurufen, wenn der Schmerz mich vernichten will. Ich bin wie gelähmt. Meine Frage an eine gute Freundin: „Bin ich wirklich so unerträglich und eine Zumutung für Andere?“, kann sie konsequent mit einem Nein beantworten. Sie sagt, dass ich ihr den Umgang mit mir sehr leicht mache.

Meine Eltern werden von mir gepflegt und versorgt; schon seit Jahren. Auch sie sind sehr betroffen, vom Tod ihres ersten Enkels. Mein Vater ist sehr ungeduldig, weil ihm meine Trauerzeit zu lange dauert. Nach einem Viertel Jahr, nach Christoph´s Tod meint er, es müsse nun mal gut sein, ich soll nach vorne schauen. Ich gebe ihm zur Antwort, dass nicht mein Wellensittich gestorben ist, sondern mein Sohn.

Am Christoph´s erstem Todestag vermag meine Mutter mich nicht zu trösten, sie nimmt mich nicht in den Arm, sie erwähnt noch nicht mal seinen Namen. Als ich ihr das zum Vorwurf mache, meinte sie, sie möchte bei mir keine Wunden aufbrechen!!

Für uns betroffenen Eltern ist es hart, wenn man das verstorbene Kind nicht erwähnt, es nicht bei seinem Namen nennt, weil man Angst hat, Wunden würden aufbrechen. Es bricht nichts auf………..es ist aufgebrochen.

Tröstlich ist es, wenn man den Eltern an Gedenktagen einen Besuch abstattet, oder ein Blümchen auf das Grab legt.

Wie schon erwähnt, waren wir in den ersten 14 Tagen nie alleine. Danach mussten Alle wieder in ihr eigenes Leben zurückkehren. Das habe ich verstanden……….. aber plötzlich diese Leere……………… ist sehr schwer zu ertragen.

Aber trotzdem gibt es auch viele Freunde, die sich immer wieder melden, oder vorbei kommen.

Vor 3 Woche hatten wir unsere Silberhochzeit. Und hier trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Alle, die an unserem Fest teilnahmen, ob persönlich oder in Gedanken, möchte ich ganz herzlich danken. Sie haben uns in den letzten 2 Jahren beigestanden und waren für uns da. Und dafür sind wir unendlich dankbar.

Ich wünsche allen Eltern viel Kraft

Christina Stern

 

Ihr Lieben,

nun ist der Tod meines Sohnes schon ganze sechseinhalb Jahre her. In der Zeit habe ich mich, wie einige von Euch wissen, mit mir und mit dem Leben und Tod beschäftigt. Ich wollte zwar weiterleben, doch ich wusste zuerst nicht, wie ich es anstellen sollte, meinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Es war am Angang sehr schwer und schmerzlich. Doch ich gab mir Zeit.
Ich ging zum Therapeuten und besuchte Trauergruppen.

In den Jahren habe ich unzählige

  • wertvolle Gespräche mit lieben Menschen geführt.
  • Bücher gelesen, die sich mit dem Tod und dem Leben beschäftigen.
  • Tränen vergossen.
  • Übungen gemacht, um wieder zu mir zu finden.
  • Gedanken in mir zugelassen, die mich in meiner Verarbeitung weiterbrachten.

Ich verbrachte sehr viel Zeit mit mir.

Ich habe viel in Foren für Suizidhinterbliebene gelesen und geschrieben. Habe diesen Blog ins Leben gerufen und auch dadurch anfänglich meine Trauer verarbeitet. Später konnte ich mit dem Blog anderen Menschen helfen, so wie mir geholfen wurde. Auch möchte ich mit diesem Blog das Thema Suizid ein Stück weit enttabuisieren.
Letztendlich war es die Selbstliebe, die mir half, mit der Schuld umzugehen. Die Schuld, von der ich hier schreibe, ist die Schuld, die ich mir selbst auferlegt habe, nachdem sich mein Sohn Enrico das Leben genommen hatte. Dies war die  wertvollste Erkenntnis für mich, die ich je erfahren habe. Dadurch habe ich meine Einstellung dem Leben gegenüber verändern und andere Prioritäten gesetzt. Mein Blickwinkel hat sich durch die Selbstliebe in ein tiefgründiges Gefühl verwandelt.

Dann schrieb ich das Buch „Zurückgelassen durch Suizid“. Jetzt wird die dritte Auflage erscheinen, denn ich habe den Verlag gewechselt. Dieses Buch hat schon viele Menschen erreicht und auch geholfen. Das zeigen mir die E-Mails, die ich bekam und die wunderbaren Rezensionen, die das Buch erhalten hat.

Auf Facebook leite ich eine Gruppe für Suizidhinterbliebene. Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns untereinander austauschen können. So war und ist es auch im AGUS-Forum.
Nicht nur die Gruppe, sondern auch meine Seiten, die ich auf Facebook ins Leben gerufen habe, sollen die Angst vor den Tabuthemen „Suizid“ und „Suizidhinterbliebene“ nehmen. Es ist mir ein Bedürfnis der Gesellschaft zu sagen, dass sie keine Angst davor haben brauchen.

Nun komme ich zum eigentlichen Thema:

Ich werde mich als Trauerbegleiterin hier in Essen selbstständig machen. Auch werde ich Seminare geben, damit andere Hinterbliebene mit dem Tod besser zurechtzukommen. Diese verschiedenen Seminare habe ich bereits ausgearbeitet und sie füllen jeweils ein ganzes Wochenende aus.
Da ich die Höhen und Tiefen der Trauer nach Suizid durchlebt habe, bin ich mir sicher, dass ich anderen Hinterbliebenen helfen kann.

In Kürze werde ich eine neue Seite ins Netz stellen, auf der ich meine Dienste anbiete. Alle Informationen, die die Trauerbegleitung betrifft, werden dort zu finden sein. Diese Seite ist noch im Aufbau und wird den Namen www.trauerbegleitung-mit-herz.de tragen. Natürlich werde ich diesen Blog auch weiterhin pflegen.

Sobald ich weitere Informationen bezüglich der Trauerbegleitung und der Seminare für Euch habe, werdet Ihr sie von mir erhalten.
Wenn Ihr spezielle Wünsche für die Seminare habt, lasst es mich wissen.

Ich schicke Euch wieder ganz viele liebe Grüße aus Essen rüber,
Eure Annette

Weltsuizidpräventionstag

Der 10. September wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Welttag der Suizidprävention ernannt. 2003 wurde er das erste Mal ausgerufen.
Dies ist der Tag im Jahr, an dem der Gesellschaft nahe gebracht werden soll, dass sich sehr viele Menschen das Leben nehmen. Durch Verkehrsunfall sterben noch lange nicht so viele Personen, wie durch Suizid. Ungefähr 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland im Jahr das Leben. Die Dunkelziffer ist weit aus höher, denn nicht jeder Suizid wird als solcher registriert. Viele Unfälle sind manchmal versteckte Suizide.
Alter, Geschlecht und die finanzielle Lage sind irrelevant.
Suizid ist ein Tabuthema. Read the rest of this entry

Trauer oder Trost im Kopf

Ihr Lieben!

Heute vor sechs Jahren nahm sich mein Sohn das Leben. Er ging für immer. Das war mir am 22.06.2008 nicht bewusst, denn ich hätte es niemals geglaubt, dass sich einer meiner Söhne das Leben nehmen würde. Mein Alltag ging normal weiter, obwohl Enrico schon tot war. Meine Unwissenheit und mein “Nichtglaube” daran ließen mich normal weiterleben. Zwar machte ich mir Gedanken um den Streit, den wir zuletzt hatten, doch das war zu dem damaligen Zeitpunkt für Enrico und mich fast normal. Wir stritten uns des Öfteren.

Der Schock, den ich erlitt, erfolgte einige Tage später. Am 03.07.2008 erfuhr ich von meinen Schwestern, dass sich Enrico am Wasserturm das Leben nahm. Diese Nachricht veränderte mein Leben von einer Sekunde auf die andere. Ich wusste damals nicht, wie ich damit umgehen sollte und wie ich weiterleben sollte. Mein Kopf war erfüllt mit Trauer, Wut, Schuld und Schmerz. Die Trauer war so groß, dass ich nicht empfänglich war für Trost, obwohl liebe Menschen in meinem Umfeld mich trösteten. Ich schreibe hier von den ersten Tagen, nachdem ich von seinem Tod hörte. In dieser Zeit nahm ich mein Umfeld nicht wirklich wahr, denn in meinem Kopf war kaum Platz für die Worte meiner liebevollen Familie und Freunde.

Ich bekam Angst vor der Zukunft, denn solch eine Situation gab es bis dato noch nie in meinem Leben. Den Trost, den ich erhielt, war Balsam für meine Seele. Die Trauer um meinen Sohn versperrte mir den Blick auf mein Leben und mein Umfeld. Ich beschreibe meine erste Zeit nach Enricos Tod absichtlich so ausführlich, um Euch den Unterschied von damals und heute klar zu machen. Read the rest of this entry

Heute vor 25 Jahren brachte ich meinen Sohn Enrico zur Welt.
Heute feiere ich seinen Geburtstag zum fünften Mal ohne ihn.

Ich war 19 Jahre lang seine Mommy – mit seinem Einverständnis; dann ist er gegangen. Er ging für immer durch Suizid.
Natürlich werde ich immer seine Mommy bleiben, denn er lebt in meinem Herzen weiter.
Die Trauer, Wut und das Unverständnis seines Suizides haben sich in mir gewandelt zu einer unentlichen Liebe. Den Weg, den ich gegangen bin, war gesäht mit Tränen, Haltlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und anderen Gefühlen, die ich Euch, die es selber durchmachten, nicht erklären muss. Read the rest of this entry

Falsche Worte, keine Worte, tröstende Worte

Worte haben eine immense Kraft.

Mit falschen Worten kann man viel kaputtmachen.
Mit Schweigen kann man sowohl viel kaputtmachen und als auch helfen und
mit tröstenden Worten kann man ein Stück weit helfen.

Anfänglich habe ich gar nicht reagieren können, wenn mir jemand in meinen Augen falsche oder gar keine Worte entgegenbrachte, denn ich fühlte mich schwer verletzt. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich drehte mich rum und ging einfach weg. Der Schmerz war zu groß.

Worte, die ich in der Anfangszeit nicht hören wollte und dennoch zu hören bekam, waren folgende: Read the rest of this entry

Viele wissen vieles besser

Es ist etwas Schreckliches in Deinem Leben passiert, worauf Du nicht vorbereitet warst. Ein Mensch, sei es Dein Kind, Dein Partner, eins Deiner Elternteile, ein Freund bzw Freundin, ein naher Verwandter, hat sich das Leben genommen. Dieser Mensch hinterlässt eine riesengroße Lücke in Deinem Leben. Und nun stehst Du da und verstehst die Welt nicht mehr. Was nun?

Vielleicht ist es gar nicht passiert, denkst Du. Doch das ist der Schock in Deinem Kopf, der Dir diese Gedanken einpflanzt. Es gibt noch mehr Gedanken, die Du, während Du den Schock erleidest, erhältst. Diese Gedanken machen Dir große Angst verrückt zu werden und Du ziehst Dich zurück. Read the rest of this entry

Die Hilfe und die Gefühle für mein Leben

Meine lieben Leserinnen und Leser, 

nun sind vier und ein halbes Jahr vergangen, seit mein Sohn sich das Leben nahm. In dieser Zeit ist sehr viel in mir passiert. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich je wieder als Raumausstatterin arbeiten kann. Diese Einstellung lag an meiner damaligen Selbstständigkeit im Gardinengeschäft, in dem mir meine Jungs ab und an zur Hand gingen. Sie bereiteten mit mir einige Kommissionen vor und durften bei dem einen oder anderen Kunden ihre Hausaufgaben erledigen, während ich die Gardinen anbrachte. Die Erinnerung an die Vergangenheit ließ mir oft die Tränen in die Augen schießen. Sah ich meinen Sortimentkoffer mit dem Gardinenzubehör an, fing ich sofort an zu weinen. Also verbann ich den Koffer und all das Zubehör in den Keller. Ich konnte den Anblick dieser Gegenstände nicht schmerzfrei ertragen. Somit war ich mir damals sicher, ich würde niemals wieder als Raumausstatterin arbeiten, obwohl ich meinen Beruf sehr liebte. Mein Selbstbewusstsein und besonders meine Eigenliebe starben mit dem Suizid meines Sohnes.  Read the rest of this entry

Meine Geschichte als suizidhinterbliebene Mutter

Ihr Lieben …

Frau TV hat sich für das Thema Suizid und Suizidhinterbliebene entschieden.
“Mein Sohn hat sich das Leben genommen” wurde der Beitrag betitelt.

Als das WDR-Team bei mir zu Besuch war, um mich zu interviewen, freute ich mich sehr darüber. Ich habe mir vorgenommen, das Tabuthema Suizid und Suizidhinterbliebene ein Stück weit zu enttabuisieren. Es geht darum, dass meine Mitmenschen keine Angst mehr bekommen sollen, wenn sie hören, dass ich eine verwaiste Mutter bin. Nicht nur mir ergeht es so, sondern auch all den anderen Hinterbliebenen. Sei es, wenn der Partner sich das Leben nahm oder wenn ein Eltern- oder Geschwisterteil plötzlich für immer ging. Auch bei Freunden oder Verwandten wurden die zurück gelassenen seltsam behandelt. Immer wieder stoßen wir auf Reaktionen der Mitmenschen, die erneut seelische Schmerzen verursachen. Unbewusst wird uns Hinterbliebenen von der Gesellschaft nochmals die Schuld zugeschoben.

Es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich hätte eine ansteckende Krankheit. Viele Menschen haben sich von mir zurückgezogen. Das tat sehr weh. Ich fühlte mich zeitweise sehr einsam.

Heute bin ich so weit, dass ich darüber reden kann. Ich habe wieder Vertrauen zu mir und somit auch die Kraft mit anderen Menschen über das Erlebte zu reden.

Das WDR-Team war sehr einfühlsam und rücksichtsvoll. Ich wurde während der Dreharbeiten auch lieb gefragt, ob alles in Ordnung sei.

Besonders, als wir zum Wasserturm gingen, denn der Wasserturm war der Ort, an dem sich mein Sohn Enrico das Leben nahm.
Rückblickend kann ich sagen, dass es ein sehr wichtiger Schritt war, den ich damals tat, als ich den Wasserturm bestieg. Ich wollte mit ihm Frieden schließen, was ich auch tat. Das Gebäude hatte, als wir oben ankamen, nichts Bedrohliches mehr für mich. Es war ein unbeschreiblich erleichterndes Gefühl des Friedens, was in mir hochkam.

Als wir jedoch zur Grabstätte kamen, liefen mir wieder ein paar Tränen. Tränen, weil Enrico kein “richtiges Grab” hat und weil sein Name in keinem Stein verewigt wurde. Ich ließ die Tränen zu. Ich darf traurig darüber sein und ich darf auch weinen, denn ich bin ja seine Mama.
Alles in allem war die Zeit mit dem WDR-Team sehr angenehm und ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal bedanken für diese wunderbare Zusammenarbeit.

Dies ist der Link zur Frau-TV-Sendung vom 11.10.2012.

Einen lieben Gruß schickt Euch

Eure Annette

Zu Gast bei westArt Talk

Ihr Lieben…

Das Thema Suizid und Suizidhinterbliebene zu enttabuisieren ist eins meiner größten Ziele. Solange niemand über diese Themen spricht, werden sich der Blickwinkel und die Meinung der Gesellschaft nicht ändern.

Am 09.09.2012 hatte ich die Gelegenheit in der Öffentlichkeit einige Worte zum Thema Suizidhinterbliebene und ihre Wünsche zu äußern. Ich war Talkgast beim WDR in der Sendung “West ART Talk”. Das Thema lautete:

“Dem Leben ein Ende setzen – Selbstbestimmung oder tödlicher Egoismus”

Wer die Sendung verpasst hat, hier ist der Link zum Video:

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/09/09/westart-talk.xml

Nach der Sendung habe ich sehr viele positive Feedbacks erhalten und Mut machende Zuschriften von Menschen, die ich bis dahin gar nicht kannte. Das tat mir sehr gut.

Vielen lieben Dank dafür.

Mit der Öffentlichkeitsarbeit werde ich weiter machen, denn sie ist sehr wichtig. Mein nächstes Ziel ist es, eine Stiftung für Suizidhinterbliebene zu gründen. Ich bin dabei, ein Netzwerk aufzubauen. Einige Menschen, unter anderem mein Stiftungsanwalt, unterstützen mich tatkräftig. Viel möchte ich noch nicht erzählen, denn wir haben noch einige Vorarbeiten zu leisten.

Es ist wunderbar, dass so viele liebe Menschen hinter mir stehen und mich unterstützen. Vielen, vielen Dank …

Ich wünsche Euch alles Liebe und melde mich bald wieder.

Eure Annette

 

 

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