Trauer oder Trost im Kopf

Ihr Lieben!

Heute vor sechs Jahren nahm sich mein Sohn das Leben. Er ging für immer. Das war mir am 22.06.2008 nicht bewusst, denn ich hätte es niemals geglaubt, dass sich einer meiner Söhne das Leben nehmen würde. Mein Alltag ging normal weiter, obwohl Enrico schon tot war. Meine Unwissenheit und mein “Nichtglaube” daran ließen mich normal weiterleben. Zwar machte ich mir Gedanken um den Streit, den wir zuletzt hatten, doch das war zu dem damaligen Zeitpunkt für Enrico und mich fast normal. Wir stritten uns des Öfteren.

Der Schock, den ich erlitt, erfolgte einige Tage später. Am 03.07.2008 erfuhr ich von meinen Schwestern, dass sich Enrico am Wasserturm das Leben nahm. Diese Nachricht veränderte mein Leben von einer Sekunde auf die andere. Ich wusste damals nicht, wie ich damit umgehen sollte und wie ich weiterleben sollte. Mein Kopf war erfüllt mit Trauer, Wut, Schuld und Schmerz. Die Trauer war so groß, dass ich nicht empfänglich war für Trost, obwohl liebe Menschen in meinem Umfeld mich trösteten. Ich schreibe hier von den ersten Tagen, nachdem ich von seinem Tod hörte. In dieser Zeit nahm ich mein Umfeld nicht wirklich wahr, denn in meinem Kopf war kaum Platz für die Worte meiner liebevollen Familie und Freunde.

Ich bekam Angst vor der Zukunft, denn solch eine Situation gab es bis dato noch nie in meinem Leben. Den Trost, den ich erhielt, war Balsam für meine Seele. Die Trauer um meinen Sohn versperrte mir den Blick auf mein Leben und mein Umfeld. Ich beschreibe meine erste Zeit nach Enricos Tod absichtlich so ausführlich, um Euch den Unterschied von damals und heute klar zu machen.

Heute, sechs Jahre nach seinem Suizid, sieht es in meinem Kopf ganz anders aus. Heute ist wieder Platz für Liebe, Freude, Zuversicht und Lachen. Ich habe mich entwickelt und vor allem habe ich mich in der Zeit dazwischen entschlossen, Trost und Hilfe anzunehmen. Ich erhielt Hilfe von meiner Familie, meiner Freundin, meinem Therapeuten, einer Trauergruppe in unserem Dorf und aus dem AGUS-Forum.
Wenn ich Hilfe erhalte, liegt es an mir, ob ich sie annehme. Ob und wie ich die angenommene Hilfe umsetze, liegt wiederum an mir. Und das ist die Situation, auf die ich hinaus will.

Ich habe den Zeitpunkt immer noch vor Augen, an dem ich entschlossen habe, zurück ins Leben zu kommen. Diese Entscheidung traf ich ganz bewusst. Zwar wusste ich nicht genau, wie ich es anstellen sollte, doch der Wille war da. Ab diesem Zeitpunkt lebte ich bewusster. Es war eine lange Reise, die ich antrat. Wie mein Weg weiter ging, sprengt den Rahmen dieses Artikels. Ich beschreibe meinen Weg ganz ausführlich in meinem zweiten Buch, welches ich gerade schreibe. Doch das ist nicht das, worauf ich hinaus will. Ich möchte Euch gerne einige Fragen stellen:

Wie sieht es in Eurem Kopf aus?
Was nimmt den größten Platz ein?
Wie bewusst lebt Ihr?

Ich kann heute sagen, dass ich mein Leben bewusst lebe und ich lebe auch mit dem Suizid meines Sohnes. Es gibt keinen Abstellraum und keine Schublade, in dem ich meine Gefühle und Gedanken weggeräumt habe. Mittlerweile denke ich gerne an die Zeit zurück, in der Enrico noch lebte. Und ja, ich darf traurig sein, dass er nicht mehr da ist. Ich habe ihn nicht vergessen und ich werde ihn auch nicht vergessen, denn er ist mein Sohn. Ob lebend oder verstorben. Dennoch lebe ich mein Leben und ich liebe mich auch wieder – so, wie ich bin.

Ich wünsche Euch, dass Ihr auch wieder diese positiven Gefühle in Euch tragen könnt. Jeder Mensch braucht seine eigene Zeit und jeder findet seinen eigenen Weg, sofern er das möchte.
Alles Liebe sendet Euch,
Eure Annette

Heute vor 25 Jahren brachte ich meinen Sohn Enrico zur Welt.
Heute feiere ich seinen Geburtstag zum fünften Mal ohne ihn.

Ich war 19 Jahre lang seine Mommy – mit seinem Einverständnis; dann ist er gegangen. Er ging für immer durch Suizid.
Natürlich werde ich immer seine Mommy bleiben, denn er lebt in meinem Herzen weiter.
Die Trauer, Wut und das Unverständnis seines Suizides haben sich in mir gewandelt zu einer unentlichen Liebe. Den Weg, den ich gegangen bin, war gesäht mit Tränen, Haltlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und anderen Gefühlen, die ich Euch, die es selber durchmachten, nicht erklären muss. Read the rest of this entry

Falsche Worte, keine Worte, tröstende Worte

Worte haben eine immense Kraft.

Mit falschen Worten kann man viel kaputtmachen.
Mit Schweigen kann man sowohl viel kaputtmachen und als auch helfen und
mit tröstenden Worten kann man ein Stück weit helfen.

Anfänglich habe ich gar nicht reagieren können, wenn mir jemand in meinen Augen falsche oder gar keine Worte entgegenbrachte, denn ich fühlte mich schwer verletzt. Die Tränen schossen mir in die Augen und ich drehte mich rum und ging einfach weg. Der Schmerz war zu groß.

Worte, die ich in der Anfangszeit nicht hören wollte und dennoch zu hören bekam, waren folgende: Read the rest of this entry

Viele wissen vieles besser

Es ist etwas Schreckliches in Deinem Leben passiert, worauf Du nicht vorbereitet warst. Ein Mensch, sei es Dein Kind, Dein Partner, eins Deiner Elternteile, ein Freund bzw Freundin, ein naher Verwandter, hat sich das Leben genommen. Dieser Mensch hinterlässt eine riesengroße Lücke in Deinem Leben. Und nun stehst Du da und verstehst die Welt nicht mehr. Was nun?

Vielleicht ist es gar nicht passiert, denkst Du. Doch das ist der Schock in Deinem Kopf, der Dir diese Gedanken einpflanzt. Es gibt noch mehr Gedanken, die Du, während Du den Schock erleidest, erhältst. Diese Gedanken machen Dir große Angst verrückt zu werden und Du ziehst Dich zurück. Read the rest of this entry

Die Hilfe und die Gefühle für mein Leben

Meine lieben Leserinnen und Leser, 

nun sind vier und ein halbes Jahr vergangen, seit mein Sohn sich das Leben nahm. In dieser Zeit ist sehr viel in mir passiert. Damals hätte ich nicht gedacht, dass ich je wieder als Raumausstatterin arbeiten kann. Diese Einstellung lag an meiner damaligen Selbstständigkeit im Gardinengeschäft, in dem mir meine Jungs ab und an zur Hand gingen. Sie bereiteten mit mir einige Kommissionen vor und durften bei dem einen oder anderen Kunden ihre Hausaufgaben erledigen, während ich die Gardinen anbrachte. Die Erinnerung an die Vergangenheit ließ mir oft die Tränen in die Augen schießen. Sah ich meinen Sortimentkoffer mit dem Gardinenzubehör an, fing ich sofort an zu weinen. Also verbann ich den Koffer und all das Zubehör in den Keller. Ich konnte den Anblick dieser Gegenstände nicht schmerzfrei ertragen. Somit war ich mir damals sicher, ich würde niemals wieder als Raumausstatterin arbeiten, obwohl ich meinen Beruf sehr liebte. Mein Selbstbewusstsein und besonders meine Eigenliebe starben mit dem Suizid meines Sohnes.  Read the rest of this entry

Meine Geschichte als suizidhinterbliebene Mutter

Ihr Lieben …

Frau TV hat sich für das Thema Suizid und Suizidhinterbliebene entschieden.
“Mein Sohn hat sich das Leben genommen” wurde der Beitrag betitelt.

Als das WDR-Team bei mir zu Besuch war, um mich zu interviewen, freute ich mich sehr darüber. Ich habe mir vorgenommen, das Tabuthema Suizid und Suizidhinterbliebene ein Stück weit zu enttabuisieren. Es geht darum, dass meine Mitmenschen keine Angst mehr bekommen sollen, wenn sie hören, dass ich eine verwaiste Mutter bin. Nicht nur mir ergeht es so, sondern auch all den anderen Hinterbliebenen. Sei es, wenn der Partner sich das Leben nahm oder wenn ein Eltern- oder Geschwisterteil plötzlich für immer ging. Auch bei Freunden oder Verwandten wurden die zurück gelassenen seltsam behandelt. Immer wieder stoßen wir auf Reaktionen der Mitmenschen, die erneut seelische Schmerzen verursachen. Unbewusst wird uns Hinterbliebenen von der Gesellschaft nochmals die Schuld zugeschoben.

Es gab Zeiten, in denen ich dachte, ich hätte eine ansteckende Krankheit. Viele Menschen haben sich von mir zurückgezogen. Das tat sehr weh. Ich fühlte mich zeitweise sehr einsam.

Heute bin ich so weit, dass ich darüber reden kann. Ich habe wieder Vertrauen zu mir und somit auch die Kraft mit anderen Menschen über das Erlebte zu reden.

Das WDR-Team war sehr einfühlsam und rücksichtsvoll. Ich wurde während der Dreharbeiten auch lieb gefragt, ob alles in Ordnung sei.

Besonders, als wir zum Wasserturm gingen, denn der Wasserturm war der Ort, an dem sich mein Sohn Enrico das Leben nahm.
Rückblickend kann ich sagen, dass es ein sehr wichtiger Schritt war, den ich damals tat, als ich den Wasserturm bestieg. Ich wollte mit ihm Frieden schließen, was ich auch tat. Das Gebäude hatte, als wir oben ankamen, nichts Bedrohliches mehr für mich. Es war ein unbeschreiblich erleichterndes Gefühl des Friedens, was in mir hochkam.

Als wir jedoch zur Grabstätte kamen, liefen mir wieder ein paar Tränen. Tränen, weil Enrico kein “richtiges Grab” hat und weil sein Name in keinem Stein verewigt wurde. Ich ließ die Tränen zu. Ich darf traurig darüber sein und ich darf auch weinen, denn ich bin ja seine Mama.
Alles in allem war die Zeit mit dem WDR-Team sehr angenehm und ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal bedanken für diese wunderbare Zusammenarbeit.

Dies ist der Link zur Frau-TV-Sendung vom 11.10.2012.

Einen lieben Gruß schickt Euch

Eure Annette

Zu Gast bei westArt Talk

Ihr Lieben…

Das Thema Suizid und Suizidhinterbliebene zu enttabuisieren ist eins meiner größten Ziele. Solange niemand über diese Themen spricht, werden sich der Blickwinkel und die Meinung der Gesellschaft nicht ändern.

Am 09.09.2012 hatte ich die Gelegenheit in der Öffentlichkeit einige Worte zum Thema Suizidhinterbliebene und ihre Wünsche zu äußern. Ich war Talkgast beim WDR in der Sendung “West ART Talk”. Das Thema lautete:

“Dem Leben ein Ende setzen – Selbstbestimmung oder tödlicher Egoismus”

Wer die Sendung verpasst hat, hier ist der Link zum Video:

http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2012/09/09/westart-talk.xml

Nach der Sendung habe ich sehr viele positive Feedbacks erhalten und Mut machende Zuschriften von Menschen, die ich bis dahin gar nicht kannte. Das tat mir sehr gut.

Vielen lieben Dank dafür.

Mit der Öffentlichkeitsarbeit werde ich weiter machen, denn sie ist sehr wichtig. Mein nächstes Ziel ist es, eine Stiftung für Suizidhinterbliebene zu gründen. Ich bin dabei, ein Netzwerk aufzubauen. Einige Menschen, unter anderem mein Stiftungsanwalt, unterstützen mich tatkräftig. Viel möchte ich noch nicht erzählen, denn wir haben noch einige Vorarbeiten zu leisten.

Es ist wunderbar, dass so viele liebe Menschen hinter mir stehen und mich unterstützen. Vielen, vielen Dank …

Ich wünsche Euch alles Liebe und melde mich bald wieder.

Eure Annette

 

 

Mein Buch und der WDR

Ihr Lieben …

Vor ein paar Tagen erhielt ich eine E-Mail über diesen Blog. Diese E-Mail kam tatsächlich vom WDR. Hier ein paar Ausschnitte:

Sehr geehrte Frau Meißner!

Für den 09.09.2012 plant die „west.art“, der Talk am Sonntagmorgen im WDR eine Sendung zum Thema „Suizid – Flucht oder Freiheit“ (Arbeitstitel). Ich wurde auf ihr interessantes Buch aufmerksam und würde Sie in unsere Sendungsplanung gerne mit einbeziehen. Könnten Sie sich vorstellen, hier als Talkgast mitzuwirken?

Wir möchten z. B. folgenden Fragen auf den Grund gehen:
(…) / *Möchte die Fragen und auch die Gäste, die dabei sein werden, noch nicht preisgeben.

Ich hoffe mit diesen Informationen ist Ihnen erstmal gedient. Wir versuchen dieses Thema möglichst sensibel zu bearbeiten, da es bisher so gut wie nie besprochen wurde.

Die Sendung wird live am 09.09.2012 im Herzen Kölns, im Vierscheibenhaus des WDR am Appellhofplatz, aufgezeichnet. Wir beginnen um 11:00 Uhr, die Sendung endet um 12:25 Uhr.

(…)

Hätten Sie, Frau Meißner, Zeit und Interesse? Ich freue mich auf eine Rückmeldung.

Herzliche Grüße aus Köln

——————————————————————————–

Soviel zur Einladung, die ich natürlich annahm. Nun ist es bald soweit und ein kleiner Einleitungsfilm wird von mir gedreht. Ihr könnt Euch sicherlich vorstellen, dass ich sehr aufgeregt bin.

Die Sendung fängt um 11.00 Uhr an und endet um 12.30Uhr.

Ich habe nun die Gelegenheit, in der Öffentlichkeit meine und auch Eure Meinung zum Umgang mit uns kundzutun. Auch kann ich das Tabuthema Suizid und Suizidhinterbliebene ansprechen und helfen, es ein Stück weit zu enttabuisieren. Das ist mein Ziel.

Ihr Lieben, ich werde Euch auf jeden Fall auf dem laufenden halten.
Bis dahin wünsche ich Euch alles Liebe,
Eure Annette

 

Leseprobe aus meinem Buch

Die Zeit

Dieses Sprichwort: „Die Zeit heilt alle Wunden …“

In diesem Falle: Falsch!

Heilen bedeutet, dass wir in den Urzustand zurückkehren. Das ist allerdings in unserer Thematik nicht der Fall. Das Ereignis, was sich zugetragen hat, ist so schwerwiegend, dass wir es niemals vergessen können – es sei denn, wir leiden an Amnesie. Obwohl ich für immer eine verwaiste Mutter sein werde, hat mir die Zeit doch sehr geholfen, mich weiter zu entwickeln.

Die Zeit verändert uns, unsere Empfindungen und unsere Wahrnehmungen – sonst nichts! Die Zeit hilft uns, mit dem Suizid unseres lieben Menschen zurechtzukommen.

Ich sprach mit vielen Betroffenen darüber und las auch viel über dieses Thema, so kam ich unter anderem auf folgende Gedanken:

Zeit kann Dein Freund sein, oder Dein Gegenspieler. Zeit läuft unaufhaltsam. Eine Stunde, völlig entspannt, in der Badewanne, vergeht viel schneller als eine Stunde im Regen auf der Autobahn stehend, auf den Abschleppdienst   wartend. Read the rest of this entry

Meine erste Lesung

 

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Lesung im Erzählcafé

Ihr Lieben …

Die Zeit läuft unaufhaltsam. Alles, was sich in weiter Zukunft befindet rückt kontinuierlich näher. So auch der Termin meiner ersten Lesung. Und plötzlich war der Tag da. Der Abend, an dem meine erste Lesung stattfinden sollte. Obwohl ich mich vorbereitete, war ich ein wenig nervös, denn ich wusste nicht, was genau mir bevorstehen würde. Wie viele Leute würden dabei sein und mir zuhören? Wie würde die Reaktion der Menschen auf mein Buch sein?

Meine Lesung fand im Erzählcafe in Hagen statt. Dieses Café ist kein normales Café, sondern ein Ort der Begegnung in einem gemütlichen Wohnzimmer. Liebevoll eingerichtet, mit vielen Dekorationen, das ein heimisches Ambiente hervorruft. Man fühlt sich sogleich wie bei Mutter zu Hause. Read the rest of this entry

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